Vom Geist der Freiheit

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„Mit der Armbrust auf das Haupt des eigenen Kindes schießen? Eher sterb’ ich!“ – Tell und Geßler in der Apfelschuss-Szene.

Nicht mal in Ruhe campen kann man. Cash hören, knutschen, mit den Kinder spielen – nix da, wenn man ein Nationalheld ist. Während der Naturbursche und Freiheitsfreund Wilhelm Tell (Markus Gertken) mit seiner Frau und den beiden Söhnen im Campingbus ins Grüne fährt, brüllt dumpf der Firn. Die geliebte Heimat ächzt unter dem Tyrannenjoch des Reichsvogts Geßler und seiner schlapphütigen Schergen.

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Achtung, Schauspieler!

Am Rütli schwören sich die unterdrückten Landleute, ein „einzig Volk von Brüdern“ zu sein, „eher den Tod als in der Knechtschaft leben“. In diesem Bunde darf einer wie der Tell nicht fehlen. Schließlich denkt der brave Mann an sich selbst zuletzt. Sein Weib, die schöne Hedwig (Birte Gerken), zürnt und bettelt, doch selbst ihr flehender Blick aus Gebirgssee-blauen Augen, kann den Held nicht halten. „Ein jeder wird besteuert nach Vermögen“, sagt er lapidar zum Weibe, greift die Armbrust, nimmt den Sohn und zieht in den Kampf.Intendant Holk Freytag setzt in seiner Festspiel-Premieren-Inszenierung von Schillers Klassiker auf Kontraste. Bewusst konstruiert er einerseits die Schweizer Bergidylle, mit Lederhosen-tragendem Alphorn-Bläser und bis an den Rand der Karikatur überzeichneten Alm-Öhis mit Rauschebärten.

Dagegen steht ein an Metropolis erinnerndes Bühnenbild von Lohnsklaven in harter Fron beim Bau der Zwing-Uri, dem Tyrannenpalast, all das unterlegt von oft bis ans Schmerzhafte grenzender Musik.

Holk Freytag kann auf seine starken Schauspieler zählen. Allen voran der grandiose, einerseits hinfällig-greise, doch willensstarke Freiherr von Attinghausen, den Horst Sachtleben mit unglaublicher Bühnenpräsenz verkörpert. Ihm zur Seite stehen mit Werner Stauffacher (Bernd Kuschmann), Walter Fürst (Günter Schoßböck) und Arnold von Melchtal (Bernhard Conrad) die braven Eidgenossen, deren Ringen und Radikalisierung eindrucksvoll nachzufühlen ist.

Ihr Gegenspieler, Reichsvogt Hermann Geßler (Stefan Reck), ist ein rechter Unsympath, schmierig, fies, geckenhaft – vielleicht ein wenig überzeichnet mit seinem an Karl Lagerfeld erinnernden Outfit. Es ist der wohl quälendste und doch eindrucksvollste Augenblick des Stücks, als er den Tell unbarmherzig zwingt, den Apfel vom Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen. Jede Vaterbrust schmerzt vor Mitgefühl ob des inneren Kampfes den der Tell vor seinem Meisterschuss mit sich austrägt.

Trotz der notwendigen radikalen Kürzungen des Schiller-Dramas hat das Stück, vor allem in der ersten Hälfe, einige Längen. Arg zäh schleppt sich da etwa die Rütli-Szene zum berühmten Schwur. Ein wenig statisch gerät zudem so manches Bild, was diesen Eindruck noch verstärkt.

Der wie immer wacker agierende Hersfeld-Chor vermag allein nicht immer die Bühne auszufüllen. Etwas verloren wirkt so auch der Tell beim Tyrannenmord aus der fernen Apsis des Kirchenschiffs hinaus. Die Ruinen-Riesigkeit fordert noch ihren Tribut vom Hersfeld-Debütanten Freytag.

Der Alpen-Easy-Rider

Und doch gelingt es ihm, das Aufbegehren eines Volkes wider das Tyrannenjoch eindrucksvoll zu inszenieren. Über die Bühne weht der Geist der Freiheit. Womöglich sind es gerade die zeitlichen Ungereimtheiten zwischen VW-Bully hier und Armbrustschüssen da, die dem Zuschauer Raum geben das Stück ganz individuell zu verorten. Das Publikum dankt es mit viel Szenenapplaus und langem, freundlichem Beifall.

Und Tell? Der Alpen-Easy-Rider schwingt sich auf den Bock des Bullys und düst in den Schweizer Sonnenuntergang. Endlich Zeit zum Campen!

Von Kai A. Struthoff

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