Mehr zum Thema: Streik bei Amazon – Ausstand im Weihnachtsgeschäft geplant

„So geht es nicht weiter“

„So geht es nicht weiter“: Hans-Jürgen Rohwedder arbeitet seit zehn Jahren bei Amazon. Jetzt beteiligt er sich am Streik. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Mit Beginn der Frühschicht um 0 Uhr haben gestern wieder einige hundert Mitarbeiter beider Amazon-Standorte in Bad Hersfeld die Arbeit niedergelegt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat erneut zu einem dreitägigen Streik aufgerufen. Streiklokal ist einmal mehr die Schilde-Halle, in der sich gestern Morgen etwa 200 Amazonier eingefunden hatten.

Zu ihnen sprach unter anderem Michael Schmitt von der KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung) Fulda in einem Solidaritätsbeitrag. Er appellierte an die soziale Verantwortung und kritisierte, dass es „Arbeitsplätze nicht nur um der Arbeitsplätze willen“ geben dürfe. Verdi-Sekretärin Mechthild Middeke kündigte am Rande der Veranstaltung an, weitermachen zu wollen. Sicher werde im Dezember auch das Weihnachtsgeschäft bestreikt. „Der Streik ist gut angelaufen. Wir rechnen mit 400 bis 600 Teilnehmern“, so Middeke gestern. Ein Tarifvertrag sei nach wie vor das Ziel des Ausstands, mit den bisher gezahlten freiwilligen Lohnerhöhungen von 2,2 Prozent wolle man sich nicht zufrieden geben.

Zum ersten Mal dabei

Erstmals dabei war gestern Hans-Jürgen – genannt Hajo – Rohwedder. Der 54-Jährige kam 2004 von Berlin nach Bad Hersfeld, um bei Amazon „anzuheuern“. Zuvor hatte er als Taxi-Fahrer gearbeitet. Eigentlich sei er überzeugter Amazonier und die Arbeit mache ihm nach wie vor Spaß, berichtet er. Dass er nun zum ersten Mal seine Gasrechnung nicht bezahlen konnte, habe ihn allerdings nachdenklich werden lassen. „Es kann doch nicht sein, dass ich 37,5 Stunden in der Woche arbeite und meine Familie nicht ernähren kann“, kritisiert der 54-jährige Picker. „Das Unternehmen in Übersee streicht Millionen ein und die Mitarbeiter haben nichts davon.“ Das letzte Mal im Urlaub gewesen sei er vor 19 Jahren. Zudem hätten vor allem ältere Mitarbeiter, die nicht mehr so leistungsfähig seien, oft das Nachsehen.

Streiken möchte Rohwedder aber nicht nur für sich, sondern auch für die künftigen Generationen. „Wir werden das System nicht ändern, aber so wie es zurzeit läuft, kann es nicht weitergehen“, sagt der Wahl-Hersfelder, der sich auch in der Politik ein Umdenken wünscht.

Streik seit April

Seit April 2013 streiken die Mitarbeiter des Online-Versandhändlers für einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzelhandels. Amazon lehnt Gespräche allerdings nach wie vor ab. Als erste kleine Erfolge wertet die Gewerkschaft jedoch die Lohnerhöhungen und das erstmals ausgezahlte Weihnachtsgeld (wir berichteten mehrfach).

In den Bad Hersfelder Verteilzentren sind laut Verdi rund 3500 Mitarbeiter beschäftigt. Auch an anderen Standorten wird derzeit gestreikt. Beendet wird die Aktion am Mittwoch nach der Spätschicht. (nm)

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