Interview: Dekan Ulrich Brill über Kirchenaustritte und schwächere Bindungen

„Es geht um die Botschaft“

Sieht seine Kirche auf einem guten Weg: Dekan Ulrich Brill in der Hersfelder Stadtkirche. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. „Den Kirchen laufen die Schäfchen weg“, titelte unsere Zeitung kürzlich. Die Berichterstattung über vermehrte Kirchenausstritte im Kreis hat heftige Reaktionen ausgelöst: Zuspruch, aber auch viel Protest. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Ulrich Brill, Dekan im Kirchenkreis Hersfeld.

Herr Brill, Sie sehen sich nicht als Hirten, dem die Schäfchen weglaufen. Fakt ist aber, dass mehr Protestanten aus- als eintreten und dass die Zahl der abtrünnigen Christen im Altkreis Hersfeld im vergangenen Jahr um 24 Prozent gestiegen ist.

Ulrich Brill: Genau dies bestreite ich. Die Zahl der Austritte aus unserer, der evangelischen Kirche, ist nicht signifikant gestiegen - jedenfalls, was den Kirchenkreis Hersfeld anbelangt. 2010 stehen 150 Austritte 41 Wiedereintritten gegenüber. Das ist auch ungefähr die Zahl, die wir aus den Vorjahren erleben. Man muss die Zahl der Ein- und der Austritte auch ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Kirchenmitglieder setzen. Dann geht es um eine Verlustquote von 0,25 Prozent. Das ist sehr gering. Im Kirchenkreis Rotenburg kommen in 2010 auf 41 Austritte gar 38 Eintritte. Von weglaufenden Schäfchen, wie Ihre Zeitung titelte, kann deshalb nicht die Rede sein.

Das heißt: Die Austrittszahlen sind für Ihre Kirche nicht existenziell.

Brill: Doch, denn um jeden Menschen, der unsere Kirche verlässt, ist es schade. Aber verglichen mit Austrittsquoten anderer Institutionen, etwa Parteien, Gewerkschaften oder anderen Vereinigungen, ist das eine relativ geringe Zahl.

Wo bleibt die Selbstkritik? Denn es sind immer weniger Menschen aktiv und immer mehr passiv in der Kirche.

Brill: Wir beobachten, dass die Bindung zur Institution Kirche nicht mehr so stark ist wie bei den früheren Generationen. Wir müssen uns deshalb auch selbstkritisch fragen: Was können wir tun, damit die Menschen sagen: „Wir sind gerne und aus Überzeugung evangelisch - und wir möchten das auch bleiben.“

Wir haben in unserem Kommentar gemutmaßt, dass für viele Gläubige die Kosten-Nutzen-Relation nicht mehr stimmt. Was nützt es denn den Menschen, heute in der Kirche zu sein?

Brill: Das muss die Kirche vielleicht deutlicher herüberbringen. Mit der Mitgliedschaft in einer Kirche leistet man auch einen Solidarbeitrag, der es uns ermöglicht, in Stadt und Land Räume und Möglichkeiten der persönlichen Begegnung zu schaffen und viele Dienste der Nächstenliebe zu organisieren.

Sie haben im Vorgespräch betont, dass Sie nicht mit der katholischen Kirche und deren Mitgliederstatistik in einen Topf geworfen werden wollen. Schadet die katholische Kirche Ihrem Ruf?

Brill: Der Missbrauchsskandal hat dem Berufsstand des Geistlichen erheblich geschadet und geht einher mit einem immensen Vertrauensverlust. Ich wehre mich allerdings dagegen, mit dem Finger auf die katholischen Geschwister zu zeigen. Keiner von uns ist vollkommen. Auch wir sind eine Kirche mit Menschen, die nicht fehlerlos sind. Deshalb müssen wir im Grunde immer wieder bei uns selbst anfangen.

Sie sind eine Kirche der Reformation und der Reformen. Brauchen Sie eine neue Reform?

Brill: Die Reformatoren haben gesagt: Die Kirche bedarf immer wieder der Erneuerung. Damit wird sich auch unsere Kreissynode beschäftigen: Wie können wir die Bindung zu unseren Mitgliedern stärken? Wie kann die Kirche noch einladender und offener werden? Bis zu meinem Ruhestand will ich zum Beispiel erreichen, dass es für alle Kirchen im Kreis verlässliche Öffnungszeiten gibt. Eine weitere Frage: Wie können wir Menschen zu ehrenamtlichem Engagement bewegen? Da sind wir auf einem guten Weg. Erfreulicherweise ist die Anzahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter gestiegen - um 400 Mitarbeiter im vergangenen Jahr.

Abschließend noch eine persönliche Frage: Können Sie sich einen Grund vorstellen, aus der Kirche auszutreten?

Brill: Nein. Denn bei der Kirche geht es ja nicht um die Institution, sondern um die Botschaft von der Menschwerdung Gottes: Eine frohe Botschaft, die allen Menschen ins Herz scheint.

Von Pia Schleichert und Kai. A. Struthoff

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