Hoch hinaus: Das „Orchester Osnabrücker Musikfreunde“ beim Festspielkonzert

Ein Gefühl wie Segelfliegen

Auch die Fußballfans haben nach Meinung unseres Rezensenten etwas verpasst, wenn sie beim Auftritt der Osnabrücker Musikfreunde nicht in der Stiftsruine waren. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Allen von der Fußballbegeisterung Beanspruchten, die die Besucherzahl in der Stiftsruine wohl um einige hundert drückten, sei gesagt: Sie haben am Sonntag um 16 Uhr auch hier etwas verpasst. Nämlich ein Körper, Geist und Seele in Schwingung bringendes, ja elektrisierendes sinfonisches Programm und den Auftritt eines der originellen und hochleistungsfähigen halbprofessionellen Orchester, die seit einigen Jahren den Festspielkonzerten ihre Aufwartung machen.

Alle diese Musiker zeigen sich staunenden Auges und Ohrs beeindruckt von diesem einzigartigen „Konzertsaal“, der bei Sommertemperatur und lauer Thermik ein Gefühl wie Segelfliegen geben muss.

Das „Orchester Osnabrücker Musikfreunde“ gab es sogleich weiter mit einer Fünferfolge aus Antonín Dvoráks acht Slawischen Tänzen op. 46: den Nummern 1 C-Dur, 2 e-Moll, 3 As-Dur, 7 c-Moll und 8 g-Moll. Da lässt sich nur sagen: fabelhafte Musik, Droge und Labsal zugleich, auf erstaunlich hohem Niveau dargereicht, Funken sprühend, klangsinnlich, voll feiner rhythmischer und klangfarblicher Impulse. Der brillante Instrumentator Dvorák at his best, das Orchester ebenso und ein Dirigent, Reinmar Neuner, der seine lange Berufserfahrung als Orchestergeiger inspirierend weitergibt.

Very british

Die Basstuba kennt man als Klangbasis in Wagners „Ring“-Orchester oder in Bruckners sinfonischem Apparat. Hier nun kam sie als Soloinstrument in Sir Ralph Vaughan Williams’ Tubakonzert f-Moll aus dem WM-Jahr 1954. 15 Minuten distinguierte Musik mit nur wenigen Reibungsflächen, satt koloriert, lakonisch im Tonfall – very british und übrigens mit einem Schlussrondo „alla tedesca“, im „deutschen“ ländler- bis walzermäßigen Dreiviertel-Taktmaß. Dazu in Wolfram Krumme ein exzellenter Solist mit den Vortragstugenden einer gewandten, vollmundigen bis spitzzüngigen, oft ganz zarten Ausschöpfung des enormen Tonumfangs und überaus geschmeidiger Lagenübergänge.

Tschaikowskis Vierte in f-Moll op. 36, sein sinfonisches Bekenntniswerk und eine echte Schicksalssinfonie, als dreiviertelstündige finale Herausforderung, an der das Osnabrücker Orchester hörbar wuchs und die es hochachtbar bestand. 65 bis 70 Musiker ziehen da an einem Strang, darunter 12 erste Violinen, 7 Violoncelli, unter den vier Hörnern drei Damen, nicht zu vergessen auch eine Beckenschlägerin. Bläserisch fallen Piccoloflöte und Fagott auf, und in den Pizzicato-Scherzosatz stimmt draußen sogar eine Vogelfamilie ein.

Ein Zauberwort könnte Dirigent und Musikern noch dienlich sein: „stringendo“, das ist jenes Drücken und Drängen, jenes unwiderstehliche klimaktische Steigern, das Nahtstellen und Übergängen ihre Schubkraft verleihen sollte und der Musik insgesamt ihre erhebende Ausdrucksgewalt. So hier etwa im Kopfsatz dem breit auskomponierten Übergang von der Andante-sostenuto-Einleitung zum Moderato-con-anima-Hauptteil.

Doch keine Frage: Beifall und Blumen nach dem hochvirtuosen, orgiastischen Finale waren verdient.

Von Siegfried Weyh

Kommentare