Mehr zum Thema: Mehr Mädchen als Jungen sind von Depressionen betroffen

Gefühl der Gefühllosigkeit

Chefarzt in Fulda: Privatdozent Dr. Frank Theisen. Foto: nh

Hersfeld-Rotenburg. Mädchen sind im Jugendalter von Depressionen häufiger betroffen als gleichaltrige Jungen, berichtet der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda, Privatdozent Dr. Frank Theisen. Im Kindesalter sei dies noch umgekehrt. Insgesamt sind mehr Mädchen als Jungen von Depressionen betroffen: Im Bundesdurchschnitt sind zwei Drittel Mädchen oder junge Frauen.

Depressionen spielen eine große Rolle im Fuldaer Klinikalltag. Die Zunahme liege auch an gesellschaftlichen Faktoren. Der Einfluss neuer Medien sei in Bezug auf seelische Störungen groß, hat Theisen beobachtet. Kinder mit einer Computerspielsucht zum Beispiel seien anfälliger für Depressionen.

Unterschieden werden muss zwischen Depressionen, die durch eine Fehlfunktion im Gehirn verursacht werden – es gibt eine genetisch bedingte Anfälligkeit –, und Depressionen, die mehr durch äußere Einflüsse verursacht werden. Letztere können zum Beispiel durch Unter- oder Überforderung entstehen sowie durch belastende Ereignisse wie der Verlust von Familienmitgliedern oder Freunden.

Woran erkennen Eltern eine Depression ihres Kindes? Ein Alarmsignal ist nach Angaben von Dr. Theisen, wenn Kinder und Jugendliche antriebsarm sind und die Aufgaben im Alltag nicht mehr wahrnehmen. Das heißt, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen oder Sport im Verein treiben wollen, wenn sie sich auch von Freunden zurückziehen und keine Lebensfreude mehr empfinden. „Das Gefühl der Gefühllosigkeit dominiert bei ihnen“, sagt der Arzt.

Eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung bei Kindern und Jugendlichen können nur die Erziehungsberechtigten veranlassen. Besorgte Lehrer, die in der Ambulanz anrufen, müssen daher zunächst an die Eltern der betroffenen Kinder verwiesen werden.

Nicht immer bedürfen Kinder der Hilfe eines Psychiaters. Wenden sie sich an die Ambulanz, gibt es im ersten Gespräch schon eine Beratung. Häufig handelt es sich auch um erzieherische oder pädagogische Probleme, die Eltern zwar zusetzen, aber nicht in einer Depression des Kinder begründet sind. Dann verweisen die Mitarbeiter zum Beispiel an eine Erziehungsberatungsstelle.

Die Auseinandersetzung mit Eltern psychisch kranker Kinder sei sehr schwierig und emotional, berichtet Dr. Theisen. Denn häufig litten auch Erziehungsberechtigte an psychischen Erkrankungen – werden aber nicht mitbehandelt. „Wir nehmen hier viel Rücksicht, raten oft zu einer Begleitbehandlung und sind manchmal verblüfft“, sagt Theisen. Dann zum Beispiel, wenn Eltern nicht altersgerechte Rituale mit Kindern pflegten und dabei ihr eigenes Verhalten völlig „normal“ ansähen. Der Arzt nennt da die Mutter, die ihren zwölfjährigen Sohn noch jeden morgen anzieht.

Von Silke Schäfer-Marg

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