Wochenend-Porträt: Sabine Koch geht nach 25 Jahren bei „pro familia“ in Ruhestand

Das Gefühl, frei zu sein

Anschauliche Materialien sind gerade für die Arbeit mit Schulklassen wichtig. Diese „Wolke 7“ gehört in eine von Sabine Koch entwickelte Schatzkiste. Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Als Sabine Koch sich vor 25 Jahren, an ihrem 40. Geburtstag, bei der Beratungsstelle „pro familia“ in Bad Hersfeld vorstellte, hätte sie nie gedacht, dass sie dort 25 Jahre bleiben würde – und das ohne sich zu langweilen. Wenn sie jetzt in den Ruhestand geht, tut sie das mit dem guten Gefühl, nicht nur einen Job erledigt, sondern eine wirkliche Aufgabe erfüllt zu haben. Eine Aufgabe, von deren Wichtigkeit sie immer überzeugt war, auch wenn die Geschäftsführung, die sie in den vergangenen Jahren übernehmen musste, nicht zu ihren Lieblingsaufgaben gehört.

„Sabine Koch und pro familia gehören in der öffentlichen Wahrnehmung einfach zusammen“, hat sie festgestellt, und das findet sie gut so.

Liebe und Sexualität

Etwa 5000 Beratungsgespräche hat Sabine Koch in diesen Jahren geführt, anfangs überwiegend mit Frauen, in den letzten Jahren zunehmend auch mit Männern. Dabei ging es um gewollte und ungewollte Schwangerschaften, um Beziehungsprobleme und Trennungen. Dazu kommen ganz viele Besuche in Schulklassen, bei denen sie mit Jugendlichen über Liebe und Sexualität, über Verhütung und Verantwortung gesprochen hat.

Die Vielfalt der Arbeit und die Möglichkeit, selbstbestimmt arbeiten zu können hat Sabine Koch immer gefallen und sie immer aufs Neue gefordert. „Sich als Beraterin auf jede Person und deren Gründe ihres Kommens einzulassen, ist eine große Herausforderung“, sagt sie. Wichtig war es ihr, eine Vertrauensbasis aufzubauen, denn wirklich gut beraten kann sie nur, wenn sie über die Situation der Ratsuchenden genau informiert ist. Viele der Frauen kamen nicht freiwillig. Sie hatten sich schon für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, brauchten den Beratungsschein und hatten Sorge, dass sie sich rechtfertigen müssten oder etwas aufgeschwatzt werden sollte.

Dass sie sich trotzdem öffneten und nach dem Gespräch gut beraten fühlten, darüber hat Sabine Koch sich jedesmal gefreut. Denn dahinter steht nicht nur das Vermögen, sich in andere Menschen einfühlen zu können, sondern sehr viel Arbeit, um immer auf dem neuesten Stand zu sein und fundiert beraten zu können.

Erfreut hat sie auch festgestellt, dass immer mehr Männer zu den Beratungsgesprächen mitkommen und aktiv daran teilnehmen. Dass sie sowohl für die ungewollte Schwangerschaft ihrer Partnerin Mitverantwortung übernehmen als auch für die gewollten Kinder. Hier kann Sabine Koch über die vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten für junge Eltern informieren und hat einen wachsenden Bedarf festgestellt. Ihr Vortrag „Wege durch den Antragsdschungel“ für werdende Eltern gehört seit Jahren zum festen Angebot von „pro familia“ und dem Frauenbüro.

In den 25 Jahren bei „pro familia“ hat Sabine Koch auch viel Bitteres erlebt. Immer wieder musste umstrukturiert, neu organisiert und gekürzt werden. „Trotzdem bin ich nie müde geworden, die Inhalte der pro familia zu vertreten“, sagt Koch.

Engagiert war und ist sie auch immer für die Anliegen von Frauen und Mädchen, zum Beispiel in der AG Mädchen oder im Frauennetzwerk.

Jetzt will Sabine Koch erst einmal den Sommer und das Gefühl, frei und unbelastet zu sein, genießen. Sie ist aber sicher, dass sich über kurz oder lang eine Aufgabe finden wird, die ihre Kraft, ihre Fähigkeiten und ihre Ausdauer erfordert. Weitere Texte

Von Christine Zacharias

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