Wiedersehen macht Freude

Gefeierte Wiederaufnahme des Musicals „Cabaret“ in der Stiftsruine

+
Noch werden im Berliner Kit-Kat-Klub Witze gemacht: Helen Schneider als Conferencier mit Hitler-Bärtchen, flankiert von Stalin und Mussolini.

Bad Hersfeld. Wiedersehen macht Freude. Und dies ganz besonders, wenn es sich um so etwas außergewöhnlich Gelungenes wie Gil Mehmerts Musical-Inszenierung von „Cabaret“ für die Bad Hersfelder Festspiele handelt.

So war es denn auch keine große Überraschung, dass das Publikum am Freitagabend die Premiere der Wiederaufnahme genauso begeistert bejubelte, wie das vor einem Jahr der Fall gewesen ist.

Tatsächlich erwies sich „Cabaret“ auch in der Neuauflage als ein ergreifendes Stück Theater, das unter dem Deckmantel guter Unterhaltung hochpolitische Inhalte vermittelt. Die von Beginn an zum Scheitern verurteilte Romanze zwischen dem amerikanischen Deutschland-Besucher Cliff Bradshaw (Rasmus Borkowski) und der sprunghaften Nachtclubsängerin Sally Bowles (Bettina Mönch) steht für die atmosphärische Stimmung einer Spielhandlung, die mit ausgelassenem Feiern beginnt und mit dem Wachsen des Nationalsozialismus kippt. Natürlich werden die Veränderungen auf der Bühne plakativ dargestellt, doch in Mehmerts intensiver Inszenierung wirken sie bis in die letzte Publikumsreihe - spätestens, wenn die Nazis die Verlobungsfeier des jüdischen Obsthändlers Schultz (Helmut Baumann) mit der Pensionswirtin Fräulein Schneider (Kathrin Ackermann) sprengen.

Nicht entziehen kann man sich vor allem der Aura von Bettina Mönch: Stimme, Körperlichkeit, Bewegung und wie sie die Dinge sagt, die sie sagt, das lässt keinen kalt. Wenn Sie ganz vorn auf dem Steg „Maybe this time“ singt, dann singt sie für jeden Zuschauer ganz allein. Rasmus Borkowski ist ihr ein idealer Partner, einerseits Traumtänzer, was die Beziehung angeht, andererseits Realist, wenn er die politische Entwicklung betrachtet. Sein vergeblicher Kampf um die Geliebte mündet immerhin in seine Erweckung als Schriftsteller.

Unvergesslich auch Helen Schneiders bizarre Verkörperung des Conferenciers im Kit-Kat-Klub. Sie ist Mittelpunkt der überbordenden Themenbilder, zu denen Melissa King fantasievoll-originelle Choreographien ersonnen hat. Anrührend das Spiel des späten Liebespaares Baumann/Ackermann. Das geniale Bühnenbild von Heike Meixner, die von Christoph Wohlleben dirigierte Live-Musik und ein Ensemble, das bis ins Detail gestaltet und geführt ist, machen „Cabaret“ in Bad Hersfeld auch diesmal zum außergewöhnlichen Erlebnis. Wer es immer noch nicht gesehen hat: hingehen. Wem es schon im letzten Jahr gefallen hat: nochmal hingehen.

Kommentare