Kabarettist nahm Essgewohnheiten aufs Korn

Den Gästen tat der Thunfisch leid

Hände hoch: Per Abstimmung im Publikum bewies der Kabarettist den Irrsinn von statistischen Erhebungen. Foto: Hornickel

Bad Hersfeld. Mit einem angenehmen satirsichen Völlegefühl verließen am Donnerstagabend die Besucher des Bad Hersfelder Buchcafés den zuvor voll besetzten Saal: Philipp Weber (36), Träger des deutschen Kleinkunstpreises 2010, hatte mit seinem Soloprogramm „Futter streng verdaulich“ in Spielfilmlänge ein Menü serviert, das das Zwerchfell der Besucher reizte.

Mit kritischem Blick auf den täglichen Wahnsinn mitteleuropäischer Gaumenfreuden unterzog der studierte Biologe und Chemiker tatsächliche und von der Werbung eingebläute Gesundheitsbotschaften einer gnadenlosen Praxisanalyse.

Zwischen Sushi und Pfälzer Saumagen liegen für Weber keine Welten. Beide Gerichte sprechen Bände über ein Volk, das sich, fest im Griff von links drehenden Joghurts und rechts drehenden Gedanken an typisch deutsche Küche, dem Harakiri mit Messer und Gabel hingibt.

Abendessen für Freunde

Eingebettet war die ernährungsphysiologisch unausgewogene Gesellschaftskritik in ein Abendessen des Satirikers, das er eigentlich seinen Freunden hatte auftischen wollen. Doch den Allergikern, Veganern, Frutanern und Schöpfungsbewahrern verschlug des Gastgebers Rindsroulade den Appetit, so dass sie sich im Laufe des Abends in Befindlichkeiten übertrafen. Nur noch die Flasche Schnaps fand den Zuspruch aller. So verlief der Abend kalorienbefreit. Nicht einmal über den Verzehr einer Dose Thunfisch konnten sich die Gäste einigen, und das, obwohl die Dose aus recyclebarem Weißblech bestand und mit delfinfreiem Fang gefüllt war.

Den Gästen tat der Thunfisch leid, der nicht so zutraulich wie Flipper ist und keine Bälle auf der Nase balanciert. Warum das? „Dem Reh, das der Jäger totschießt, ist es ziemlich egal, dass dessen Dackel nachts bei ihm im Bett schlafen kann.“ In Konsequenz machten sich die alkoholisierten Teilnehmer des ausgefallenen Abendessens über des Nachbars Walnussbaum her und landeten im Krankenhaus..

Ohne Tagespolitik

Kabarettist Weber hüllte die Zuhörer in einen Wortgewitter, unterzog den Saal einem empirischen Selbsttest und animierte das Publikum zu heiterem Fertig-Menü-Raten. Die Prise Zeitgeist kam ohne tagespolitische Überfrachtung aus. Das Futter für die grauen Zellen war leicht verdaulich, sofern man nicht zu lange lachte.

Von Kurt Hornickel

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