Sonderkonzert des Dresdner Kreuzchores setzte ein Glanzlicht des Festspielsommers

Die Früchte früher Übung

Singende Knaben: Ein Glanzlicht des Festspielsommers setzte am Dienstag Abend der Auftritt des Dresdner Kreuzchors unter Leitung von Riderich Kreile in der Bad Hersfelder Stiftsruine. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Als später die Scheinwerfer erstrahlen, da blühen sie ein zweites Mal auf, die Knaben mit den über die dunklen Anzüge geschlagenen weißen Hemdkragen. 49 Sänger zählen wir für die Sopran- und Altstimmen, dazu 28 junge Männer für Tenor und Bass: Der berühmte Dresdner Kreuzchor (siehe Hintergrund) beehrte die Stiftsruine mit einem Sonderkonzert, und 1500 Besucher hatten allen Grund, diesen lauen Sommerabend im Zeichen des Chorgesangs über hundert Minuten lang voll auszukosten und mit ausgiebigem Zwischen- und Schlussbeifall zu belohnen.

Höchste Disziplin

Das erste Aufblühen auf der Bühne bewirkte natürlich die Musik selbst. Kaum ein Anlass besteht hier, etwas Halbfertiges zu bekritteln. Knabenchorgesang oder derjenige von Erwachsenen – das ist angesichts dieses Renommier-Ensembles eher eine Frage des Geschmacks als eine des Niveaus. Sicher, die jungen Leute können auf Grund ihrer Physis nicht die weiche Rundung und Fülle von Frauenstimmen entfalten, nicht deren elegante Lineatur und strahlende Attacke. Aber sie können mit höchster Disziplin und Präzision aufwarten, mit Homogenität und Geschmeidigkeit, mit einer klanglichen Süße und Reinheit, die einen fast neu hören lehren.

Entscheidendes kam hinzu: Ihr Leiter, Kreuzkantor Roderich Kreile, hatte rasch erkannt, dass sich die Stiftsruine nicht mit akustischer Kraftgebärde bezwingen lässt. Von A bis Z sangen die „Kruzianer“ im Zeichen dynamischer Zurückhaltung und Feinabstufung, plastischer Artikulation, diskreter Ausdruckswerte, makelloser Textdeutlichkeit und beredter Mitteilsamkeit – und sangen so wie aus einem Mund und mit einer Botschaft. Mancher Hörer wird gespürt haben, dass Singen nicht nur ein Stück Selbstentblößung, sondern eben auch Selbstfindung und Selbstvergewisserung ist. Gut, wenn dieser Same früh gelegt wird, besser, wenn die Früchte auch früh reifen.

Eine reine Wonne das Programm, ein vollends „erwachsenes“, in großen Teilen geistliches und damit der Würde des alten Kirchenraumes entsprechendes, partiell von sächsischen Musikpatronen getragenes. Heinrich Schütz (Psalm 98), Johann Hermann Schein, Hans Leo Hassler waren darunter und natürlich der große Johann Sebastian Bach, dessen doppelchörige Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ BWV 225 ein schier überschwängliches Votum für den Chorgesang erhebt und in der meisterlichen Fuge auch die Dresdner an Grenzen führt.

Rheinberger als Zugabe

Chorlieder der Renaissance durften nicht fehlen, ebenso wenig Neueres (etwa Ernst Peppings die „himmlischen Dinge“ besingende Evangelienmotette „Jesus und Nikodemus“) und Internationales aus England, Skandinavien und Polen – mancher akustische Überraschungseffekt war dabei. Und nicht die deutsche Naturromantik mit Waldesstimmungen von Mendelssohn (op. 100/4) und Brahms (op. 62/3).

Wohl überlegt auch die beiden rezitatorischen Intermezzi mit mittelalterlichen Texten (u.a. „Lorscher Bienensegen“) und vier Tierfabeln von Jean de La Fontaine, mit Aplomb und markanter Deklamation gesprochen von den Festspieldarstellern Marie Therese Futterknecht, Jörg Reimers und Hans Christian Seeger. Das sechsstimmige „Abendlied“ op. 69/3 von Josef Gabriel Rheinberger erklang als Zugabe und Wegzehrung für den Heimweg.

Von Siegfried Weyh

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