Am 20. Jahrestag der letzten Grenzpatrouille erinnern sich Veteranen an ihren Einsatz am Point Alpha

Im Frosthauch des kalten Krieges

Weit gereist: Lieutenant Colonel Leon Rios ist eigens aus den USA nach Point Alpha zum Festakt gekommen. Gabriele Hasper, die ehemalige Verbindungsbeauftragte zur US-Armee in Bad Hersfeld, übersetzt für ihn.

Rasdorf. Ein eisiger Wind bläst von Osten aus dem Tal hinauf und zaust die amerikanische Flagge am Mast. Lieutenant Colonel Leon Rios trägt nur einen dünnen, eleganten Anzug. Doch die Kälte scheint ihm nichts auszumachen. Der Soldat hat sehr viel eisigere Zeiten am Point Alpha erlebt.

Kerzengerade steht er da, den Blick auf die Stars and Stripes gerichtet, die langsam vom Flaggenmast herabgleiten. Vielleicht denkt Rios in diesem feierlichen Moment an all die langen Nächte auf einsamer Wacht, an das angestrengte Hinüberspähen zum Feind, der zum Greifen nah und doch so weit entfernt war von all den Werten, für die die USA an diesem Vorposten der Demokratie standen.

Rios ist auf einer „nostalgischen Reise zurück“. Zur Zeit der Grenzöffnung war er Kommandeur der in Bad Hersfeld stationierten US-Truppen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das Ende des Kalten Krieges erleben würde“. Amazing – faszinierend findet er diese Zeit noch heute. Rios, der heute im Ruhestand in Virginia lebt, ist eigens für den Festakt zum 20. Jahrestag der letzten Grenzpatrouille am Point Alpha nach Deutschland zurückgekehrt. Damals war hier der heißeste Punkt des kalten Krieges. „Wir wussten, dass wir die ersten wären, die im Falle eines Angriffs sterben würden, wir standen ja direkt an der Front.“

Mit militärischer Akkuratesse faltet unterdessen die Ehrenformation das Flaggentuch und überreicht es an General a. D. John Abrams, den einstigen Kommandeur des 11. Armored Cavalry Regiments, der hier das Kommando hatte. Auch er ist längst im Ruhestand. Wie Rios und viele andere Veteranen des „Blackhorse“-Regiments ist er zurückgekehrt, um vom Einsatz in Point Alpha zu berichten.

Fotostrecke Point Alpha

Point Alpha Festakt

In der ehemaligen Fahrzeughalle der US-Armee bullert eine Bauheizung. Der Kalte Krieg lebt auf großformatigen Fotos an den Wänden wieder auf. General Abrams lobt in seiner Rede beim Festakt die gute Zusammenarbeit mit Bundeswehr und Bundesgrenzschutz und die herzliche Aufnahme in den Grenzgemeinden. „Home away from home“ nennt er die Region.

Und doch überkommt so manchen der Veteranen an diesem Ort wohl auch wieder der Frosthauch des Kalten Krieges: „Wenn wir diesen Zaun sehen, dann kommen viele Emotionen in uns hoch“, gesteht Brigadegeneral Michael Ryan, der derzeitige Kommandeur des V. US-Korps in Heidelberg.

Von hier in alle Welt

Die Hälfe seiner Dienstzeit war Ryan in Deutschland stationiert. Von hier zog er mit seine Soldaten in kriegerische Auseinandersetzungen in aller Welt. „Kein Soldat freut sich auf den Krieg, obwohl wir darauf trainiert sind“, sagt er und fügt mahnend hinzu: „Point Alpha ist für uns ein wichtiger Punkt der Erinnerung.“

Vielleicht auch daran, dass Frieden manchmal möglich ist auch ohne einen Schuss abzugeben – so wie in Point Alpha.

Von Kai A. Struthoff

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