Kein Fortkommen im Wald: Schnee und Eis bringen den Holzeinschlag zum Erliegen

Frost und Frust im Forst

Besuch vom Chef bekamen gestern Revierförster Klaus Kraft (links) und seine beiden Forstwirte Martin Stein und Thomas Schwarz (hinten am Tisch). Vorne rechts Karlheinz Schlott, der Produktionsleiter des Forstamtes Bad Hersfeld. Links neben ihm Forstamtsleiter Jens Müller.

Sorga. Draußen, im Wald, ist es kalt. Doch Karlheinz Schlott, der Produktionsleiter des Forstamtes Bad Hersfeld, sitzt auf heißen Kohlen.

Der Bilderbuchwinter ist schlecht fürs Geschäft, denn Winterzeit heißt eigentlich Erntezeit beim Laubholz für die Staatsförster, weil da die Äste kahl sind und die Stämme keinen Saft führen. Doch die Revierförster und ihre Holzfäller kommen wegen der ergiebigen Schneefälle erst gar nicht in den Wald, um dort das Holz zu verkaufen oder die Säge anzusetzen.

So herrscht Friede im Winterwald, als Forstamtsleiter Jens Müller am Dienstag den Papierkram auf dem Schreibtisch ruhen lässt und mit Produktionsleiter Karlheinz Schlott den geländegängigen Opel Frontera besteigt. Er will im Kesselbach abseits der Autobahn von Bad Hersfeld nach Friedewald Klaus Kraft, den Förster im Revier Motzfeld, und seine beiden Waldarbeiter zum ersten Mal im Neuen Jahr besuchen. Das Forstamt hat noch 26 Waldarbeiter. Aber nur 15 sind dem harten Einsatz beim Bäumefällen gesundheitlich noch gewachsen. Deswegen will der Forstamtsleiter ein flexibleres System für die Arbeitsteilung zwischen den Rotten, so heißen die Kettensägen-Trupps, erklären.

Nahezu lautlos mahlt sich der Geländewagen über den Wirtschaftsweg im Solztal dem Wald im Bereich der Gißlingskirche entgegen.

Gefahrlos Verzierung

Die Nadelbäume tragen weiße Fittiche, lassen die jedoch keinesfalls hängen. Die Bäume sind mit Pulverschnee bedeckt. Schon der kleinste Windhauch treibt weiße Fahnen wie Feenstaub von den Ästen. Dieser Anblick beruhigt die Förster, denn das letzte, das sie sich wünschen, sind Schadensfälle wie Eisbruch oder Windwurf im Wald. Die Borkenkäfer sind von Schnee und Eis nicht bedroht und lauern weiter hinter Baumes Rinde auf geschwächte Bestände.

„Es gibt überhaupt keinen Grund, den Wald nicht zu betreten oder ihn gar zu sperren“, sagt Forstamtsleiter Jens Müller. Erst wenn Regen einsetzt, der Schnee auf den Ästen haftet und zu Eis gefriert, wandelt sich das Wintervergnügen zur Gefahr für Spaziergänger und zum Ärgernis für die Förster und ihre Kollegen.

Vorbei an schier endlosen Lagerplätzen von Stammholz lenkt Produktionsleiter Karlheinz Schlott sein Fahrzeug. Bis kurz vor Weihnachten haben Forstwirte, private Rückeunternehmen und Harvester geschafft und Laubholz zur Abholung am Rand des Weges abgelegt. Doch die Abholung klappte nicht. Die Stämme sind nun so dick mit Schnee bedeckt, dass die Förster den Kunden die Ware nicht präsentieren und verkaufen können. Und die Abnehmer, das sind Sägewerke im Raum zwischen Eisenach, Schwalmstadt, Eiterfeld und Nentershausen, haben ihre liebe Not mit dem Abtransport des Stamm- und Industrieholzes. Die Waldwege sind so dick verschneit oder zugeweht, dass die Holztransporter nur mit größten Mühen in den Wald kommen.

Die verarbeitenden Betriebe, die aus Buche Bretter oder Parkett machen, gieren nach Ware. Die Lager sind seit November leer. Das hat seine Gründe. Der früher so romantische Betriebsablauf, bei den das Holz bestellt, bezahlt, gelagert und abgefahren wurde, hat sich verändert. Auch im Forst hat das Logistik-Prinzip von „just in time“ Einzug gehalten.

Dies knappe Zeitfenster zwischen Abholung und Verarbeitung rächt sich nun. Der Winter macht Lieferanten und Abnehmern einen Strich durch die Rechnung. „Es geht alles viel langsamer und die Arbeit ist mühsamer“, sagt Forstwirt Martin Stein. Jeder dritte Waldarbeiter hat pro Jahr ohnehin einen Unfall.

Zur Not muss der Markt China bis zum Februar auf die Waldhessenbuche warten.

Von Kurt Hornickel

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