Fröhlich hinein ins Abenteuer Leben

Hahnenkampf am Beckenrand: Pjotr Suslow (Uwe Schmieder, 2. von rechts) warnt Zamyslow (Michael Witte, rechts) davor, weiter mit seiner Frau Julija zu flirten.

Bad Hersfeld. Mit lautem Gejohle rennen sie auf die Bühne, die Sommergäste, springen juchzend in das Schwimmbecken, lachen und scherzen – anerkennend beklatscht vom Publikum, das sich mit warmen Jacken und Decken wohlig in seine Sitze kuschelt.

Das wohlige Gefühl bei den Zuschauern bleibt, denn was das offensichtlich spielfreudige, hervorragende Ensemble unter der Regie von Jean-Claude Berutti auf der Bühne präsentiert, ist unterhaltsam und komisch, spannend und anrührend, sommerlich-leicht und doch mit Tiefgang. Ständig passieren Dinge an mehreren Stellen gleichzeitig, keine Sekunde kommt Langeweile auf.

Es ist ein vermeintliches Idyll, das sich da entfaltet – erfolgreiche Menschen, die gemeinsam die Freuden des Sommers auf dem Land genießen. Doch die Sommerfrische hat Risse, direkt unter der Oberfläche brodelt die Verzweiflung und bricht sich immer wieder Bahn. Viele der Sommergäste sind an einem Punkt angekommen, an dem sie spüren, dass sie ihr Leben nicht mehr so weiterleben können, wie bisher: Der Schriftsteller Jakow Schalimow hat schon lange kein neues Werk mehr veröffentlicht, weil ihm das Gespür für seine Leser abhanden gekommen ist.

Warwara (Charlotte Sieglin) fühlt sich wie in einem Gefängnis eingesperrt. Sie ist voller Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben und nach Menschen, die sie verstehen. Genau das tut ihr Angetrauter, der erfolgreiche Rechtsanwalt Sergej Bassow (Stefan Reck) überhaupt nicht.

Wlas (Lars Weström), Warwaras Bruder, schlüpft in die Rolle des Clowns. Er ist unzufrieden, seit vielen Jahren nur Bassows Schreiber zu sein. Die oberflächliche Gesellschaft um ihn herum widert ihn an.

Und dann ist da noch die kämpferische Ärztin Maria Lwowna, (Emanuela von Frankenberg) die immer wieder persönliche und gesellschaftliche Veränderungen fordert. Probleme bereitet ihr die Liebe zum 15 Jahre jüngeren Wlas.

Und so stellt sich auch für den Zuschauer die Frage, wie er, wie sie, wie jeder einzelne leben möchte. Es stellt sich die Frage nach Verantwortung für die Gemeinschaft oder Rückzug in private Behäbigkeit. Was bringt es, zu jammern und zu klagen? Sollte man nicht viel besser sein Leben in die Hand nehmen und selbst etwas tun?

Leben, wie es einem passt

Einige der Sommergäste entscheiden sich für diesen Weg. Suslows Onkel Doppelpunkt (kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Armin Dillenberger: Jörg Reimers) will mit Wlas Schulen bauen, Warwara verlässt ihren Mann und auch Kalerija (Marie-Therese Futterknecht) bricht auf. Andere machen weiter wie bisher, sehen es, so wie Suslow, als ihr gutes Recht, zu leben, wie es ihnen passt.

Welcher Weg der richtige ist? Das lässt Beruttis Inszenierung bewusst offen. Er spart sich den erhobenen Zeigefinger und überlässt es den Betrachtern, selbst Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Dass sie sich dabei auch noch blendend amüsieren, ist das Geheimnis dieser Inszenierung.

Und als Geheimtipp hat Intendant Holk Freytag die Sommergäste angekündigt. Das sollten sie nicht bleiben. Denn nicht nur Inszenierung und schauspielerische Leistung sind sehenswert, auch das Bühnenbild von Rudy Sabounghi, der die Bühne unter anderem durch ein breites Lichtband mit wechselnden Farben gestaltet und die Brüche in den Personen durch im Hintergrund der Bühne gelagerten Wohlstandsmüll illustriert.

Das Fazit zog das Publikum schon bei der Premiere: lang anhaltender, begeisterter Beifall, trampeln und Bravo-Rufe für eine rundum gelungene Inszenierung.

Von Christine Zacharias

Fotos:

Die Sommergäste

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