250 Dinge, die wir in der Region mögen (101): Das Burg Herzberg-Festival

Friede, Freaks und Freude

Spaß im Schlamm: Ein wenig Woodstock-Feeling kommt auf, wenn das Gelände des Burg Herzberg-Festivals vom Regen aufgeweicht wird. Die bunte Besuchertruppe macht das Beste daraus. Unser Foto entstand im vergangenen Jahr. Foto: Trebing

Breitenbach/H. Die Szene ist schon ein paar Jahre alt: An der Auffahrt zum Burg Herzberg Festival reihen sich die campingbepackten Autos aneinander, Flaggen in den Fenstern, Wimpel auf dem Dach. Am Tor zum Gelände winkt sie ein vielleicht achtjähriger Junge heran. Er trägt eine neongelbe Ordnerweste und dirigiert die Ankommenden in Richtung der Zeltplätze. „Ganz, ganz viel Spaß“ ruft er in jedes der vorbeifahrenden Autos.

Es ist nur eine von vielen Szenen, die das alljährliche Hippie-Treffen in Breitenbach am Herzberg zu etwas Besonderem machen. Mit seiner Premiere im Sommer 1968 ist das Festival eines der ältesten seiner Art und sogar manchem Konzertgänger in der Hauptstadt ein Begriff. „Breitenbach? Da ist doch dieses coole Open Air, oder?“ Diese Unterhaltung hat tatsächlich vor nicht allzu langer Zeit in einer Berliner Kneipe stattgefunden.

Es gibt vieles, das man dem Burg Herzberg Festival inzwischen vorwerfen kann: Zu teuer (ein Ticket für alle vier Konzerttage kostet dieses Jahr 99 Euro inklusive Camping), zu kommerziell, ein Auffangbecken für Rock-Dinos, die sich mit ihren 60er-Hits ihre Rente aufbessern.

Doch selbst den talentiertesten Zynikern dürfte es schwerfallen, sich der ganz eigenen Stimmung zu entziehen, die sich jedes Mal in der Zeltstadt „Freak City“ unterhalb der Burg Herzberg einstellt. Für ein langes Wochenende entsteht dort eine duftende Parallelwelt aus Räucherstäbchen und aphrodisierenden Venusbällchen, vegan versteht sich.

Die Bewohner tanzen barfuß in der Sonne oder ziehen sich gegenseitig aus dem knietiefen Schlamm. Die Kinder haben eine Handynummer auf dem Arm, damit sie bei Verlust nach Hause gebracht werden.

Es liegt ein Gefühl in der Juliluft, dass zumindest ein Wochenende lang alles so sein darf, wie es ist. Und auch wenn die Rockhelden von damals ein wenig „Summer of Love“-Sehnsucht übers Gelände wehen lassen, stehen zuverlässig auch neue Bandentdeckungen auf der Herzberg-Bühne. Die Musikmischung ist mindestens genauso vielfältig wie das Publikum, für das niemand zu jung oder zu alt sein kann.

Kunst des Friedens

Dass das Festival jedoch kein Ufo ist, das einmal im Jahr das ländlichen Waldhessen besetzt, zeigt das Engagement der Breitenbacher „Ureinwohner“. Viele engagieren sich und bieten Duschen oder belegte Brötchen für müde Camper an, manche sitzen einfach im Klappstuhl zum Leuteschauen an der Straße.

In diesem Jahr heißt das Motto der Hippies übrigens „Art of Peace“ (Die Kunst des Friedens). Es spricht viel dafür, dass das Festival dieses Versprechen halten kann.

Von Saskia Trebing

Kommentare