Selbstversuch: HZ- Praktikantin Lea- Marie Brandau schlüpft in den „Age Man“

Fremd in der eigenen Welt

Bad Hersfeld. Meine Sicht ist benebelt, das Blickfeld eingeschränkt, Stimmengewirr umgibt mich. Jeder Schritt fällt mir schwer, zum Treppensteigen muss ich mich am Geländer festhalten. Den Berg hinauf muss mich Annika Sauer vom Seniorenbüro Bad Hersfeld stützen. Mein Versuch, einen lächerlichen Knopf am Hemd zuzumachen scheitert kläglich, Kleingeld abzählen bekomme ich überhaupt nicht hin.

Gewichte hängen an mir

Ich trage einen alterssimulierenden Anzug, den so genannten Age Man. Ich sehe aus wie eine Mischung aus Alien und Mitarbeiter einer Schweißerfirma. Manschetten schränken meine Bewegungsfähigkeit in den Arm- und Beingelenken ein, Handschuhe rauben mir das Feingefühl aus meinen Fingern, Gewichte hängen an mir. Ich trage Ohrhörer und mein Gesichtsfeld ist durch einen Visier-Helm stark eingeschränkt.

„Wir wollen eine Brücke zwischen Alt und Jung schlagen, junge Menschen sollen alte Menschen besser verstehen lernen“, erklärt mir Annika Sauer. Beate Baltes vom Meyer Henschel Institut hat den Anzug mit nach Bad Hersfeld gebracht. Sie hilft mir beim Anziehen und berichtet, dass der Anzug natürlich nur eine Simulation ist und aufzeigt, wie es sich anfühlen könnte. Hinzu kommen im wahren Leben noch eventuelle Krankheiten oder andere Gebrechen. „Die Muskelmasse baut im Alter stark ab, man fühlt sich „schwer“ auf den Beinen und wird schneller müde. Dies kann ich wirklich bestätigen. Nach einer Runde über den Platz fühle ich mich erschöpft, ich muss mich stark konzentrieren um Gesprächen folgen zu können, es fühlt sich an, als würde die Welt an mir vorbeiziehen.

Als ich den Anzug ablege, strömt eine Vielfalt von Geräuschen und Farben auf mich ein.

Eins steht nun für mich fest: Ich habe jetzt noch mehr Respekt vor älteren Menschen und ich werde mich bestimmt nicht mehr aufregen, wenn meine Oma anruft und fragt, ob ich ihr die Äpfel für meinen heißgeliebten Apfelbrei schälen helfen kann, weil ihre Hand so weh tut.

Es muss schwer sein zu merken, dass man jeden Tag Rückschritte macht und Dinge, die einem früher leicht von der Hand gingen, nun einfach nicht mehr kann.

Also: Hut ab vor dem Altwerden und Respekt vor all denen, die es mit einem Lächeln auf dem Gesicht tun.

Von Lea-Marie Brandau

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