Zehn Jahre Runder Tisch gegen häusliche Gewalt: Vortrag mit Diskussion

Frauen sehen die guten Seiten

Bad Hersfeld. „Häusliche Gewalt und die Folgen“ war das Thema eines Vortrags, zu dem der Runde Tisch gegen häuslich Gewalt aus Anlass seines zehnjährigen Bestehens eingeladen hatte.

Die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin Friedegunde Bölt aus Kassel widmete sich in ihrem Vortrag unter anderem der Frage, weshalb sich Opfer so schwer von den Tätern lösen können. Sie zeigte die vielfältigen Wirkmechanismen und Abhängigkeitsproblematiken in gewaltbelasteten Paarbeziehungen auf und erläuterte die Phasen des Gewaltkreislaufes: Auf eine Phase der Spannung folge Gewalt, dann eine Phase der Wiedergutmachung, später der Verdrängung und des Schweigens, bis sich eine neue Spannungsphase aufbaue, die in erneuter Gewalt münde.

Die Referentin stellte außerdem dar, dass 25 Prozent aller Frauen in Deutschland mindestens einmal schwere körperliche Verletzungen in einer Paarbeziehung erlebten. Laut polizeilicher Statistik seien rund 90 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt weiblich, knapp 90 Prozent der Täter männlich. Mehr als 40 Prozent der betroffenen Frauen hätten Angst, ernsthaft oder lebensgefährlich verletzt zu werden, mehr als drei Viertel hatten psychische Folgebeschwerden.

Gewaltbereite Männer, so die Referentin, zeichneten sich häufig durch ein instabiles Selbstvertrauen und durch eine Überidentifikation mit dem Männerbild von Stärke und Macht aus. Häufig hätten sie eigene Gewalterfahrungen gemacht und setzten Gewalt mit Stärke gleich. Opferbereite Frauen hingegen lenkten ihre Aufmerksamkeit auf die „guten Seiten“ ihres Partners; häufig litten sie unter fehlender sozialer Anerkennung und identifizierten sich mit einem Weiblichkeitsbild der Sanftheit.

Schwere Traumata

Außerdem ging Bölt der Frage nach, welche Folgen sich für Kinder durch das Verharren in einer Gewaltbeziehung ergeben, selbst wenn sie „nur“ Zeugen der gewalttätigen Handlungen sind. Die Referentin machte deutlich, dass es ausreiche, wenn Kinder häusliche Gewalt beobachteten, um schwere Traumata zu erleiden.

Je jünger die Opfer von Gewalt, je enger die Beziehung zwischen Tätern und Opfern, desto schwerwiegender seien die Folgen. Kinder aus gewaltgeprägten Beziehungen seien gefährdet, später selbst gewaltgeprägte Beziehungen einzugehen.

In der anschließenden engagierten Diskussion wurde deutlich, dass es viel zu wenige Therapiemöglichkeiten für traumatisierte Opfer häuslicher Gewalt gibt. Außerdem wurde die Notwendigkeit von Angeboten der Täterarbeit hervorgehoben und deutlich gemacht, dass diese auch Anlaufstelle für Männer seien, die von ihrer Partnerin misshandelt würden.

Wichtig sei es, schon kleinen Kindern Handlungsalternativen zu gewalttätigem Verhalten aufzuzeigen und sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. (red)

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