Souhila Knab kam aus der modernen Millionenstadt Algier in die hessische Provinz

Flucht vor Unruhen

Nach Feierabend entspannt Souhila Knab gerne mit einem Sudoku – je schwerer, desto besser. Foto:  Selzer

Bad Hersfeld. „Es war eine ziemliche Umstellung für mich, als ich aus der Neun-Millionen-Großstadt Algier in die hessische Kleinstadt Kirchheim kam“, erinnert sich Souhila Knab an ihre erste Zeit in Deutschland.

Die Akademikerin wuchs in einer modernen und toleranten arabischen Gesellschaft auf, in der es auch für Frauen eine Selbstverständlichkeit war, zu studieren. Als Kind konnte sie gleich zwei Klassen überspringen, machte mit 16 das Abitur und beendete bereits mit 21 ihr Architekturstudium.

Viele studierte Frauen

Trotz ihrer Jugend empfand sie es nicht als schwierig, sich im Berufsleben zu behaupten. „Ich wurde voll akzeptiert“, sagt sie. „Es gibt in Algerien einen beträchtlichen Anteil an studierten Frauen, das ist gar nichts Besonderes.“ Ihre Schwester sei Straßenbauingenieurin in Algerien, „wenn sie auf der Baustelle auftaucht, stehen die Männer alle stramm!“

Die Stimmung in der algerischen Gesellschaft änderte sich schlagartig ab Anfang der 90er Jahre, als es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kam. Radikale islamische Gruppen wendeten sich gegen alles Moderne, Toleranz und die Gleichberechtigung der Frauen waren auf einmal keine gültigen Werte mehr. Das war auch der Grund, warum Souhila schließlich 1996 das Land verließ und nach Deutschland floh.

„Diese Zeit hat das Land leider sehr geprägt“, sagt sie. Zwar sei längst wieder Ruhe eingekehrt und die radikalen Strömungen hätten keinen Einfluss mehr, doch trauten sich die ausländischen Touristen noch nicht wieder ins Land.

Souhila lernte einen deutschen Mann kennen, heiratete und bekam Kinder. Zehn Jahre blieb sie als Hausfrau und Mutter in Kirchheim und fühlte sich in dieser Zeit oft unterfordert. „Ich hätte gerne wieder angefangen zu arbeiten, doch da machte mein Mann nicht mit.“ Ihre Familie in Algier wunderte sich über ihre Veränderung. „Als ich dort zu Besuch war, redete ich nur noch von Kindern, Windeln und Haushalt. „Was ist denn mit dir los?“, fragte mich meine Schwester!“

2007 ließ sie sich schließlich scheiden und zog mit ihren drei Kindern nach Bad Hersfeld. „Als ich beim Umzug meine verstaubten Kartons aus dem Keller holte und meine zwei Diplome fand, gewann ich wieder neues Selbstvertrauen.“ Denn einen Abschluss als Dolmetscherin hat Souhila Knab auch.

Kurse bei der Volkshochschule

Was sollte sie anfangen? Dem Staat auf der Tasche liegen wollte sie nicht. Also nahm sie ihren Mut zusammen, stellte sich bei der Volkshochschule vor und konnte sofort Kurse in Arabisch und Französisch, ihren beiden Muttersprachen, später auch in Mathematik und Physik anbieten. Mittlerweile unterrichtet sie an drei Schulen Bad Hersfelds.

Wo traf sie als Araberin auf Vorbehalte in der Bevölkerung? Vielleicht habe sie sich als „Ausländerin“, trotz ihres deutschen Passes, vor den Schülern stärker behaupten müssen, überlegt Souhila Knab. Doch mittlerweile fühlt sie sich respektiert und geachtet und lebt gerne in Deutschland. „Ich habe vieles hier von den Menschen übernommen. Wenn ich zu Besuch in Algier bin, möchte ich dort am liebsten nach deutschen Maßstäben alles ändern.“ Sie mag besonders die typisch deutsche Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

Gegenseitige Hilfe

Doch auch von ihrer Geburtsstadt berichtet sie liebevoll: „In Algier, der Hauptstadt Algeriens, gibt es viele kleine Stadtteilstrukturen. Jeder kennt die Menschen in seiner Nachbarschaft, man hilft sich gegenseitig und die Kinder wachsen miteinander auf. An die Verschlossenheit in Deutschland musste ich mich erst gewöhnen.“ Trotzdem habe sie immer Leute gefunden, die ihr weitergeholfen hätten, hier ein eigenes Leben aufzubauen, sagt Souhila.

Von Martina Selzer

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