250 Dinge, die wir an der Region mögen (44): Das Kirchheimer Autobahndreieck

Fluch und Segen zugleich

Die A4, die A5 und die A7 treffen am Kirchheimer Dreieck zusammen. Auf dieser Lebensader braucht man (ohne Staus) von hier aus zu keinem Ort in Deutschland länger als fünf Stunden. Foto: Löwenberger

Kirchheim. Wie kann man das mögen? Ein schwarz-graues breites Band, das die Landschaft durchteilt, Lärm, Dreck und Schadstoffe produziert und eine ständige Gefahr für Nutzer und Anlieger darstellt. Andererseits: Stellt nicht diese Autobahn auch den Anschluss an die „große, weite Welt“ her?

Ich selbst bin in zwei Minuten auf der Autobahn. Dafür vertreibt mich ihr Krach an manchem lauen Sommerabend genervt von der Terrasse ins lärmgeschützte Wohnungsinnere. Kaum ein Kirchheimer braucht mehr als zehn Minuten, um das Dreieck zu erreichen. Rund viereinhalb Stunden braucht man von hier bis Lörrach zur Grenze in die Schweiz oder nach Frankreich, etwa eine Stunde länger dauert es bis zur Grenze nach Österreich in Salzburg. Frankfurt/Oder ganz im Osten ist auch nur rund fünf Stunden entfernt und fast genau die gleiche Zeit benötigt man bis nach Flensburg ganz im Norden.

Drei Stunden bis Aachen

Für den Weg nach Westen muss man zwar den Umweg über Gießen oder Kassel in Kauf nehmen, weil die seit Jahrzehnten geplante A 4 nach Olpe höchstwahrscheinlich nie gebaut wird, aber auch so ist man in gut drei Stunden beispielsweise in Aachen. Viel zentraler als in Kirchheim kann man in Deutschland – und in Europa – kaum wohnen.

Dieser Schnittpunkt von A 4, A 5 und A 7 bringt uns aber auch das sehr hohe Verkehrsaufkommen, eben mit Lärm, Dreck und Gefahr, mit Lastwagen die des nachts überall nach Parkplätzen suchen, verkehrswidrig abgestellt werden und die Straßen der Gemeinde verstopfen und ruinieren. Und Vorfälle in der Vergangenheit haben gezeigt, wenn unser Dreieck „dicht“ ist, dann hat das Auswirkungen auf den Verkehr (fast) im ganzen Land.

24 Stunden geöffnet

Mit rund 150 000 Übernachtungen pro Jahr belegt Kirchheim aber kreisweit hinter Bad Hersfeld und Rotenburg Platz drei in den Tourismusstatistiken. Wovon leben Tankstellen, Rasthöfe, Gastronomie und Werkstätten? Große Beherbergungsbetriebe gruppieren sich rund um das Kirchheimer Dreieck, Outlet-Center, Supermärkte, Discounter und Fast-Food-Ketten, die sich ohne Autobahn nie hierher verlaufen hätten. Kirchheim ist 24 Stunden am Tag geöffnet, 365 Tage im Jahr, da tut sich manche Großstadt schwer mitzuhalten. Und von der Nähe der Autobahnen profitieren nicht zuletzt Bad Hersfeld und Niederaula mit ihren großen Gewerbegebieten.

Wenn mir dieses ständige Brummen, Knattern und Rauschen mal wieder den letzten Nerv raubt, dann hasse ich sie, die Autobahn, aber irgendwie muss man sie manchmal mögen.

Von Bernd Löwenberger

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