Wochenendporträt: Dr. Dietrich Becker wird Honorarprofessor

Flicken, nicht amputieren: Bad Hersfelder Arzt operierte 23.000 Patienten

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Grüne-Oase: Dr. Dietrich Becker mit seinem Bearded Collie Feivel im eigenen Garten auf dem Johannesberg.

Bad Hersfelder Arzt operierte 23.000 Patienten Rettungsabläufe optimiert. Jetzt hat er dafür den Titel eines Honorarprofessors erhalten. In unserem Wochenendporträt stellen wir ihn vor.

Das IBC-Center Cambridge in England hat jetzt Dr. Dietrich Becker – Flottillenarzt der Reserve – die Würde eines „Honorary Professor of Medicine and Healthcare“ verliehen.

Die meisten Menschen in der Region bringen den 78-jährigen Dr. Becker, der mit seiner Ehefrau auf dem Johannesberg lebt, aber nicht mit der Bundeswehr, sondern vielmehr mit dem Klinikum Bad Hersfeld – früher Kreiskrankenhaus – in Verbindung. Dort arbeitete er vom 1. Januar 1971 bis 1998 als Unfallchirurg.

In all den Jahren als Chirurg machte er 23 000 Operationen. „Wir haben geflickt und nicht amputiert. Wenn sich jemand mit einem Böller die Finger abgesprengt hat, haben wir versucht in akribischer Kleinarbeit die Hand wieder funktionstüchtig herzustellen“, berichtet Dr. Becker.

Schnelle Hilfe wichtig

Besonders wichtig sei es, den Menschen sofort zu helfen. „Innerhalb der ersten sechs Stunden muss operiert werden“, so der Fachmann. Heute würden in den Kliniken immer erst die jeweiligen Spezialisten hinzugezogen. Jeder müsse zunächst seinen Senf hinzugeben, bevor dann tatsächlich der Patient wieder im Vordergrund stehe.

Dabei gehe viel zu viel wertvolle Zeit verloren. „Wir haben früher schon mal bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma den Kopf ohne Narkose geöffnet, damit das Gehirn schnell Platz bekommt. Das ist wichtig. Wie soll es sich auf beengtem Raum denn sonst ausdehnen, ohne Schaden zu nehmen?“

Hin und wieder hätten sie bereits im „Klinomobil“ mit Operation begonnen. Unter dem damaligen Chefarzt Dr. Werner Stengel war Dr. Becker beteiligt an dem Aufbau des erdgebundenen Rettungssystems – in Bad Hersfeld wurde Anfang der siebziger Jahre das erste „Klinomobil“ für Hessen in Betrieb genommen. „Bundesweit war es das vierte Fahrzeug“, erinnert sich Dr. Becker.

Als „Arzt im Rettungsdienst“ und ausgebildeter „Leitender Notarzt“ beteiligte sich Dr. Becker auch weiterhin an der Effizienzsteigerung der Rettungskette in Deutschland und international, wo grundlegende Regeln im Ablauf der Rettungseinsätze entwickelt wurden.

Hoher Flüssigkeitsverlust

So hat er als Sanitätsoffizier der Marine versucht, die Behandlung Schwerstbrandverletzter an Bord von Kriegsschiffen effektiver zu gestalten, denn unter Kriegsbedingungen herrscht an Bord Verschlusszustand. Hilfe von Außen ist nicht zu erwarten. Meist, so beispielsweise auch im Falkland-Krieg, hatten Soldaten erhebliche Brandwunden. 

„Weil Brandopfer in den ersten Stunden bis zu sechs Liter Flüssigkeit verlieren, wird sterile Schweinehaut auf die Wunden geklebt. Mit dem Resultat, dass keine Flüssigkeit mehr austritt und der Patient auch relativ schmerzfrei ist“, erklärt Dr. Becker. Als maritim-medizinischer Spezialist war er auch eingeladen, in dem „International Medical Guide“ für Schiffsführer seegängiger Schiffe jeglicher Art Fachbeiträge zusammenzustellen, die dem Laien an Bord lebensrettende und Erste-HilfeMaßnahmen zur Hand geben. 

„Dieser Guide ist im Jahr 2004 der Welt-Gesundheits-Behörde (WHO) übergeben worden und sollte jedem Kommandanten zur Verfügung stehen“, erklärt Dr. Becker.

Wegen seiner diesbezüglichen Leistungen hat der Arzt das „Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold“ verliehen bekommen; er wurde zum „Fellow“ des „Mediterranen Councils for Burns and Fire Disasters“ berufen. 

Zur Person

Dr. Dietrich Becker (78) stammt aus dem oberschlesischen Gleiwitz. In den Wirren des 2. Weltkriegs flüchtete die Familie nach Raboldshausen. Ein Freund des Vaters aus Niederaula hatte den Hinweis auf freien Wohnraum gegeben. Dietrich Becker besuchte von 1949 bis 1955 die Klosterschule in Bad Hersfeld. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Homberg/Efze. An der dortigen August-Vilmar-Schule machte Becker sein Abitur. 

Daran schloss sich ein Medizinstudium an der Justus-Liebig-Universität in Gießen an. 1964 machte er sein Staatsexamen in Gießen. Über die Ausbildungsstätten Uniklinik Gießen, Städtische Kliniken Kassel, das Landeskrankenhaus Neustadt/Ostsee und das Kreiskrankenhaus Homberg/Efze kam Dr. Becker im Jahre 1968 auch ein Jahr in die Unfallchirurgie am Kreiskrankenhaus in Bad Hersfeld. Am 1. Januar 1971 begann seine Festanstellung in dem Bad Hersfelder Krankenhaus. Dr. Becker lebt mit seiner Frau und einem Bearded-Collie auf dem Johannesberg.

Warum Dr. Becker nicht Tierarzt geworden ist, wie er es eigentlich wollte, und wo er als auf der Welt tätig war, lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe und im E-Paper unserer Zeitung.

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