Europolis 2050: Jugendforum ringt um unsere Zukunft

Feuer für Europa

Jelani aus Norwegen (li.) warnt vor zu vielen Visionen: Auf dem Podium Dr. Jürgen Straub, Markus Pfromm, Dr. Helwig Schmidt-Glintzer und Inga Rüsen, die dolmetschte (von rechts). Fotos: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld. Während in Griechenland gerade der Generalstreik eskalierte und die europäische Idee in ihren Grundfesten bebt, kämpften in Bad Hersfeld junge Leute engagiert um ihre Zukunft. Die Teilnehmer des Internationalen Jugendforums, das im Zuge der Sommerakademie Europolis 2050 stattfindet, diskutierten die Frage: „Welche Hoffnung haben wir?“

Die Teilnehmer des Jugendforums kommen aus sechs Ländern und gehören in ihrer Heimat zu Theatergruppen. Gemeinsam wollen sie zur Festspielzeit in Bad Hersfeld den europäischen Gedanken fortentwickeln. Ihre Diskussionspartner waren am Dienstagabend in der Schildehalle der China-Experte Professor Dr. Helwig Schmidt-Glintzer von der Universität Göttingen und der Psychologe Professor Dr. Jürgen Straub von der Ruhr-Universität Bochum.

Von ihnen wollte Moderator Markus Pfromm, der Geschäftsführer der Hersfelder Zeitung, wissen: „Wie sieht Europa für die nachwachsenden Generationen aus?“ Die Antworten auf diesen Frage fielen durchwachsen aus. Dennoch warnte der Psychologe Straub vor Hoffnungslosigkeit mit Blick auf Europa. Er plädierte für eine psychologisch aufgeklärte Hoffnung der politischen Vernunft – ohne Menschen in Illusionen zu treiben.

Straub warnte vor „leeren Signifikanten“, also hohlen Phrasen, wie sie vor allem in der Politik verwendet werden. Für ihn ist auch der Name Europa noch ein leerer Signifikant. Deshalb solle auch von der „Homogenisierung des Heterogenen“, also einer Gleichmacherei, abgesehen werden. Europa bestehe eben aus vielen Kulturen, Sprachen, Religionen und Lebensformen.

Weg von westlichen Werten

Der Sinologe Schmidt-Glintzer kritisierte, dass Europa mit seiner „Rhetorik die Hegemonie“ die Welt gepachtet habe. „Aber andere Länder müssen nicht mehr von uns erzogen werden.“ Er sprach sich für eine neue Vision Europas aus. Es müsse sich als Teil einer facettenreichen Welt sehen. Zwar habe Europa die Welt geprägt, und „Audi fährt man auch in China“, aber inzwischen hätten sich auch die anderen Länder weiterentwickelt. „Die Rede von westlichen Werten ist ein Irrweg“, warnte Schmidt-Glintzer, zumal Europa nicht „der“ Westen sei. Er plädierte für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen und des Wohlstands.

Vielen Teilnehmern des Jugendforums schienen diese Ausführungen aber wohl zu unkonkret. „Fangt endlich an, über die täglichen Probleme zu reden, statt über Visionen für eine Zukunft in 50 Jahren“, forderte Jelani aus Norwegen. Und Julia kritisierte, dass die ältere Generation die Verantwortung für die Zukunft auf die Jugend abwälze. „Keiner will jetzt unbequeme Entscheidungen treffen“, sagte sie etwa mit Blick auf den Klimawandel, „aber wir brauchen eure Hilfe, um in Zukunft leben zu können.“

Schub für Erfolgsgeschichte

Das aber wollte der Präsident der Sommerakademie, Professor Dr. Jörn Rüsen so nicht stehen lassen. „Wo bleibt das Feuer“, fragte er. Europa sei eine Erfolgsgeschichte, die Fortschritte seit dem Zweiten Weltkrieg seien enorm: keine Grenzkontollen, gemeinsame Währung, keine Kriege, Wohlstand. Jetzt aber brauche Europa einen neuen Schub: „Macht den Politikern Feuer unterm Hintern, sonst machen sie weiter mit der Misere“, forderte er.

Wie ein gangbarer Weg in die Zukunft aussehen könnte, zeigte dann Jugendforumsteilnehmerin Marie mit einem diplomatischen Vorschlag: „Wir sollten unsere Krafte bündeln“, schlug sie vor, „die Erfahrung der Älteren und die Power der Jugend für die gemeinsame Zukunft von Europa“.

Von Kai A. Struthoff

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