„Faust“-Szenen als hinreißendes theatralisch-musikalisches Totalerlebnis

Festspiele im Winter

„Faust-Szenen“ im Bachhaus: Als weiblich-graziöser Mephisto fasziniert Marita Keller, hier bei einer Szene in Auerbachs Keller. Foto: Rothe

Bad Hersfeld. Die Dramen auf dem TV-Schirm kommen und gehen, die der Klassiker bleiben. Zumal das des Premium-Klassikers: Goethes „Faust“. Ihn erlebten wir, das Publikum im voll besetzten J.S. Bach-Haus, am Samstagnachmittag, in dramatisch hoch verdichteten zwei Stunden und vierzig Minuten mit wachsendem Genuss, der in üppigen Beifall mündete.

Auf der Produzentenseite lebte sich in dieser Veranstaltung des Arbeitskreises für Musik die Koexistenz der Kunstsparten Theater und Musik aus – mit allem, was dazugehört: Bühne und Kostüme, Beleuchtung und Verwandlung, Text und Aktion, Gesang und musikalische Begleitung, bis hin zur fachgerechten finalen Applausordnung. Festspiele im Winter, abseits der Stiftsruine. Vielleicht auch eine nachgereichte Geste zum 80. Geburtstag des Zuschauers Professor Siegfried Heinrich, des künstlerischen Direktors der sommerlichen Opernfestspiele.

Behutsam herausgefiltert

Weit mehr als ein Semester haben die Lehrer und Studenten des Instituts für Musik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für die Erarbeitung dieses makellosen musikalisch-theatralischen Räderwerks (Gesamtleitung Monika Meier-Schmid) gebraucht, sagt der Regisseur Hugo Wieg, sonst in der Stiftsruine primär für die Mozartopern zuständig. Seine „Faust-Szenen“ hat er textlich behutsam aus der Tragödie erstem Teil herausgefiltert, dazu, lern- und verständnisgerecht für Akteure und Publikum angerichtet.

Ihm zur Seite und ebenso geschickt Michael Stolle mit pointierter Klavier- und Orgelassistenz in einem klingenden Arrangement von „Faust“-Gesängen Beethovens, Schuberts, Carl Loewes, der großen Sängerin Pauline Viardot und hauptsächlich aus Charles Gounods „Faust“-Oper (1859).

„Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen“, meint Mephisto im „Prolog im Himmel“. Tatsächlich regierte der Ernst, besonders in der Gretchen-Tragödie. So einfach die Bühne mit Stellwänden, Pult, Tisch und Bank, so anspruchsvoll der textliche, stimmliche und gestische Aufwand. Alle Achtung vor der Memorierleistung des elfköpfigen Bühnenensembles.

Einen weiblich-graziösen Mephisto im rotbraunen Ledermantel, rote Schleife im schwarzen Haar, Dreispitz darüber, Degen zur Seite, erlebt man nicht alle Tage. Marita König, mal neckisch, mal zynisch, ist vor allem die souveräne Beherrscherin der kleinen Gesten. Den sonoren Ton beherrscht Peter Fabig als alter Faust. Den jungen gibt in sanftem Sturm und Drang und wieder weiblich Sarina Meier. Charaktervoll, doch stark distonierend in Gounods „Juwelen-Arie“ Anna Lichtenstein als Gretchen.

Zuschauer als Mitakteure

Unter den Komprimarii herausragend Editha Lambert (Frau Marthe), Sören Müller (Valentin) und Michael Mühmelt (Schüler). Gesanglich-gestalterisch am auffälligsten Nicole Meinhardt und Franziska Löber. Als Mitakteure waren selbst die Zuschauer zitatsummend vernehmbar: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ oder „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag“.

Von Siegfried Weyh

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