Festrede von Professor Keim zum Hersfeld-Preis

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Wer die Welt nennet ein Meer, der nennt sie recht. Das Meer hat allerlei gefährliche Klippen, Wirbel und Sandbänk, also auch die Welt. Darinnen stoßet mancher an einen harten Felsen, sage, an einen harten Kopf an, also, dass sein Glück völlig zum Scheitern geht.

In dem Meer fressen die großen Fische die kleinen, so fressen denn auch in der Welt die Menschen untereinander. Einer ist dem anderen nachstellig und aufsässig.

Wer die Welt nennet eine Komödie oder ein Theater, der nennet sie recht, denn in diesem Theater agiert bald einer einen König, bald einen Bauern. In der Welt wird einer bald erhoben, bald unterdrückt, heut ist er ein Herr, morgen wieder leer. Bald ein Edler, bald wieder ein Bettler. Heute Hui, morgen Pfui !

Sehr herzlich begrüße auch ich Sie hier in der Stiftsruine mit diesem Zitat aus einem Traktat von Abraham a Sancta Clara, das ich einem Hörbuch von dem in Bad Hersfeld unvergessenen Reiner Hauer entnommen habe.

Ich freue mich, dass ich dies inmitten der Körpersprache einer Ruine tun darf, deren Puls und Atmung, deren Persönlichkeit und Körper-Design noch nie widerlegt oder ausgemustert worden ist. Diese Ruine braucht weder Schminke noch eine Schönheitschirurgie. Sie kennt weder Reibungsverluste noch eine Struppelfrisur. Sie ist in diesem Jahr bereits seit 250 Jahren Ruine, weshalb sie niemand mehr wird ruinieren können.

Ihre Steine sind Symbole des Lebens und des Überlebens, Wegweiser aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, mitunter auch einmal "Freilustspiele", "Wasserspiele" oder bei Stromausfall auch einmal "Nachtspiele", immer aber eine Faszination unter freiem Himmel

"Immer wieder" so Lil Dagover 1958, "bin ich ergriffen, wenn ich diesen Festspielplatz betrete. Alles ist mir nun schon heimatlich vertraut. Die zum Himmel strebenden Bogen, diese von altem Gemäuer ausgestrahlte Andacht, der Ruf der Amsel und nächtens der der Käuzchen, das Flimmern der Glühwürmchen und der silberne Gefährte der Nacht. Wir werden wohl alle verwandelt, wenn die Fanfaren ertönen und das Spiele beginnt".

Sie, meine Damen und Herren, erwarten von mir nun allerdings keine weiteren Liebeserklärungen zur Stiftsruine, sondern Betrachtungen, Anregungen zum Thema ,,Kultur im ländlichen Raum" , das durchaus spannend sein kann, wenn man die ,,zudecke" wegnimmt.

Folgt man der Defmition, dass Kultur "die Gesamtheit des geistigen Bestandes, also der Sprache, der Kunst, der Religion und der Wissenschaft der Menschen, Völker und ihrer Epochen" ist, müsste Kultur in unserem Leben eine absolute Priorität einnehmen. Doch dem ist nicht so. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ob Bund, ob Land oder Kommune, zuerst wird der Rotstift beim Kulturetat angesetzt. Kultur gilt als etwas, was nicht umbedingt sein muß. Investitionen für den Kultursektor werden noch immer häufig als nicht gerechtfertigt, als nicht gewinnbringend angesehen. Das beginnt beim Theater, endet bei Konzerten , Museen und weiteren Bildungseinrichtungen.

Vielerorts wird von den Verantwortlichen übersehen, dass ein steigendes Interesse an Kunst mit allen ihren Ausprägungen gerade im ländlichen Raum ein neues Kulturbild und ein gefordertes neues Kulturangebot beim Bürger ausgelöst hat. "Kultur", heißt es im Handbuch für Lokaljoumalisten schon vor Jahren, "ist eben nicht nur etwas für Kenner, für Feuilletonisten und Experten. Daß sie der Öffentlichkeit, einem Publikum "verkauft" werden kann und erfolgreich verkauft wird, mag einige kulturelle Gralshüter verstören. Eine Tatsache bleibt es dennoch".

Hier gilt mit Vincent Klink, "es ist schön dem Zeitgeist zu folgen. Schöner aber ist es, eine Antwort darauf zu haben". Die Kunst hat in den vergangenen Jahrzehnten, von den verantwortlichen Kulturpolitikern als Entwicklungsphase und Reformvorgang wenig mit politischer, sozialer und wirtschaftlicher Aufmerksamkeit verfolgt, im ländlichen Raum eine neue Qualität und Quantität erhalten.

Für diese Entwicklung brauchen wir inzwischen dringend eine koordinierte Stärkung der kulturellen Regionalentwicklung mit Dialogen über kulturelle Kultur-Initiativen und auch über die Kunst zwischen Unabhängigkeit und Dienstleistung.

Kultur ist eine Attraktion. Gerade auch im ländlichen Raum. Gerade auch neben dem Kulturgut Fachwerkhaus und Fachwerkbau. Was früher an Kultur nur in städtischen Zentren zu Hause war, ist heute in vielen kleinen und mittleren Stadtzentren, auch in vielen dörflichen Szenarien als Attraktion und Standortfaktor zu registrieren. Damit verbunden sind häufig relevante kulturelle und gesellschaftliche Weiterentwicklungen.

Schon seit einiger Zeit beschränkt sich das öffentliche Leben in unseren Gemeinden nicht mehr nur auf Familie, Kirche und Verein. Entstanden sind mehr Musik- und Theaterfeste, mehr ländliche Dorffeste, Musikschulen, Lesungen, Kulturschmieden, Kirchen mit neuen Kunstgütern, Tourismusprogramme, auch für Schlösser oder "offene Privatgärten", Musicalnächte und Rotkäppchenfeste, Dorfmuseen mit Bibliotheken, Einkaufsabende, Virtuosenauftritte, Skulpturpfade wie zum Beispiel der "ars natura" , der Kultursommer Nordhessen ,Kunstornamente in Getreidefeldern, Denkmalpflege,Dorftheater, Jazzkonzerte, Umweltaktivitäten, Tanz und Sport, Kindergärten, Altennachmittage, ehrenamtliche Tätigkeiten sowie eine Reihe weiterer ideeller Intentionen.

Preiswerte örtliche kulturelle Angebote sind im ländlichen Raum in verschiedenen Bundesländern intensiv entwickelt worden, etwa fiir einkommensschwache Familien oder weniger mobile odee ältere Mitbürger. Nicht nur Straßenfeste oder Symposien, vor allem auch die Nutzung der neuen Medien und modeme Beratungsfunktionen haben das Kulturleben im ländlichen Raum intensiviert.

Reinhart Richter aus Osnabrück hat erst kürzlich in einem interessanten Vortrag die wichtigsten zukünftigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kulturarbeit im ländlichen Raum so beschrieben:

1) Kommunale Kulturverwaltungen, die Entwicklungen und Potentiale wahrnehmen und unterstützen,

2) Anhebung der Fördermittel

3) Zugang zur kulturellen Bildung fiir alle Kinder und Jugendlichen

4) Förderung der Ausbildung überregional bedeutsamer Kulturprofile

5) Förderung landesweit tätiger Beratung und Dienstleistung

6) Wirtschaftsförderung fiir die Kulturwirtschaft

7) Förderung und Pflege des ehrenamtlichen Engagements.

Und noch eines liegt mir am Herzen: Die zahlreichen evangelischen und katholischen Kirchen und Gemeindehäuser in Hessen sind allein schon durch ihre historichen Gebäude eine kulturelle Größe, die kreativ genutzt werden kann. Sie sind ein uns anvertrautes Gut, das durch Spenden und Fördervereine schon vielfach gestützt wird und das wir als "Kapital" und nicht als Last ansehen sollten. Die in Kassel schon vor Jahren ins Leben gerufene Zusammenarbeit von Evangelischer Kirche und Theater unter dem Motto "Inspiriert - Theater im Gottesdienst" ist einer von vielen neuen Wegen.

Dennoch: Den ländlichen Räumen in der Bundesrepublik stehen schwierige Zeiten bevor, nicht nur aus fmanziellen Gründen. Es gilt, kreative Freiräume zu erhalten oder zu schaffen, die Veränderungen der dörflichen Wirklichkeit offensiv zu gestalten durch neue modeme Potentiale, Brückenschlag und Interventionen zu den urbanen Zentren wach zu halten und weiterhin die Kunst fiir das Dorf und das Dorf fiir die Kunst zu erschließen. Dies gilt auch fiir Bad Hersfeld und die Region.

Es bedarf im ländlichen Raum bei den verantwortlichen Politikern und Verwaltungen fiir die nächsten Jahre und Jahrzehnte eines besonderen Mutes, besonderer Verantwortung und vor allem einer hohen Risikobereitschaft gekoppelt mit ausgebildeter Fachkompetenz, um zum Beispiel die Landflucht zu bremsen, die Jugend- und Sozialarbeit mit neuen Ideen zu beleben.

Vor allem die Kultur hat die Chance, Gesellschaft mitzugestalten. Kunst und Kultur kann heute in industriearmen Regionen ein besonderer Motor zur Stärkung der Regionalentwicklung sein, ebenso fiir W ohn- und Arbeitsfelder wie fiir den Wirtschaftsfaktor. Kunst und Kultur müssen dort heutzutage eigene Handlungsinitiativen entfalten, gestützt vom ehrenamtlichen Engagement. Das stärkt auch eine heimatliche, landschaftliche und regionale Verbundenheit. Ein Guthaben und eine Hilfe ist dabei die lokale Verbundenheit und Nähe der ortsgebundenen oder ortsnahen Medien, vor allem der Lokalzeitungen, die auch fiir die Zukunft als Informations- und Meinungsnmedien unentbehrlich sein werden.

Die Eintragung Richard von Weizsäckers als Bundespräsident 1986 in das Goldene Buch der Stadt Bad Hersfeld hat nichts von ihrer Gültigkeit und ihrer Berechtigung verloren: "Kunst ist Lebensweise. Kultur ist daher auch Politik. Kultur, verstanden als Lebensweise, ist vielleicht die glaubwürdigste Politik".

Es ist nicht immer leicht, Freilichtspiele über Jahrzehnte hinweg erfolgreich zu gestalten. In Bad Hersfeld ist es von Anfang an gelungen, den Spagat zwischen höherem Kunst-Anspruch und Volksnähe zu vollbringen, gutes Theater zu machen, ob als Sprech- oder Musiktheater. Dafiir lob ich mir die Festspiele. Und dafür lob ich mir die Festspiel-Preise, die einigen Akteuren heute verliehen werden und die als besondere Anerkennung von deren darstellerischen Leistungen gar nicht hoch genug bewertet werden können. Und schließlich ist es der Himmel und damit die Freiheit, die sich fiir die Bühne der Bad Hersfelder Festspiele jedes Jahr von neuem öffnen.

Max Hollein, seit zehn Jahren Direktor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main, hat erst in der vergangenen Woche im Kulturteil der HNA hervorgehoben, wie künftige Kunstvermittlung und Museumstourismus aussehen muß: "Uns", und das ist auch meine Meinung, "ist es wichtig, möglichst vielen Menschen einen Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen. Gerade in Abgrenzung von unserem beschleunigten Alltag kann sich ein Besuch im Museum als alternativen Ort sehr wohltuend und identifIkatsionsstiftend auswirken. Dabei ist es wichtig, , ein Präsentations- und Vermittlungsangebot zu schaffen, das sich ganz bewusst an ein diversifiziertes Publikum aller Alters- und Bildungsschichten richtet. Dann kann die Begegnung mit Kunst für jeden ein nachhaltiges Erlebnis werden."

Danken und verabschieden möchte ich mich bei Ihnen, meine sehr verehrten Damen, meine Herren, mit der immer aktuellen Frage nach dem Lebenssinn und dem Lebensweg mit einer persönlichen Notiz. Was ist der Mensch:

Staub von der Erde, vom Stein und ein wenig Licht. Laub Von dem heil' gen Wein, das im Winde bricht.

Dort bist Du her, hier Gast, nur ein Übergang. Wort in der Zeit,' doch fast wie ein Lobgesang.

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