Festrede Helgo Hahn zur Hersfeld-Preis-Verleihung

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Helgo Hahn, erster Vorsitzender der Freunde der Stiftsruine

Im folgenden geben wir die Festrede des ersten Vorsitzenden der Freunde der Stiftsruine, Helgo Hahn, im Wortlaut wieder.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Festspielfreunde und liebe Freunde der Stiftsruine,

es ist mir eine große Freude, Sie (so zahlreich) im Namen der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine, im Namen unseres Bürgermeisters, Thomas Fehling, und natürlich auch persönlich begrüßen zu dürfen. So häufig ich auch schon auf diesen Brettern geprobt, gespielt und musiziert habe, so ungewohnt und aufregend ist diese neue Rolle bei der Hersfeldpreis-Verleihung. Bisher habe ich sie nur aus der sicheren Deckung des Mitwirkenden erlebt.

Ich heiße sie alle, Bürgerinnen und Bürger der Stadt und der Region, die Damen und Herren aus Politik, Wirtschaft und Verbänden herzlich willkommen.

Mein besonderer Gruß gilt den Protagonisten unserer Festspiele, den Schauspielerinnen und Schauspielern, den Regisseurinnen und Regisseu-ren und unserem Intendanten Holk Freytag, der in diesem Jahr eine Herkulesleistung vollbracht hat.

Ein herzliches Willkommen gilt unserem Festredner Prof. Dr. Walther Keim, dem Hause wohlbekannt als Initiator und Leiter des Museums für zeitgenössische Kunst, Kultur und Karikatur in Rotenburg. Prof. Keim war neben zahlreichen anderen Tätigkeiten der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Herr Prof. Keim, wir sind sehr gespannt, was Sie uns zum Thema „Stellenwert der Kultur im ländlichen Raum“ zu sagen haben.

Nicht zuletzt begrüße ich unsere Juroren, die gestern unter dem Vorsitz von Hermann Diel vom Hessischen Rundfunk in lebhafter Diskussion die Hersfeldpreisträger bestimmt haben. Das Überraschende für mich: die Personenfindung gestaltete sich recht einfach, aber dann feilten die Herr-schaften über eine Stunde an der Formulierung des Laudatoren-Textes. Achten Sie nachher einmal darauf: mehr kann man mit jeweils 4 oder 5 Sätzen nicht sagen!

Hinter uns liegen vier erfolgreiche Premieren in der Stiftsruine: Das Dschungelbuch, eine komplette Neuproduktion, eigentlich ein Musical für die ganze Familie, heute Abend in dieser Spielzeit zum letzten Mal auf dem Programm.

Sunset Boulevard, sicherlich eine der besten Musical-Inszenierungen die jemals in Bad Hersfeld gezeigt wurden.

„Der Name der Rose“, der Klosterkrimi mit religiös-philosophischem Tiefgang, nach mittlerweile übereinstimmender Meinung und unwidersprochen für die Stiftsruine geschrieben.

„Hamlet“ in der beeindruckenden Inszenierung von Jean-Claude Berutti mit jugendlich-frischen und äußerst engagierten Protagonisten.

Das Jugendprojekt „Europolis“, das letzten Sonntag in der Schilde-Halle mit über 60 Jugendlichen einen eindrucksvollen Abschluss bot und im nächsten Jahr fortgesetzt wird.

Vor uns liegen noch: „Halbe Wahrheiten“ im Eichhof, „Draußen vor der Tür“ in der Schilde-Halle, der Lieder-Abend „I Hate Music but I Love to Sing“ ebenfalls im Eichhof von dem wir heute eine Kostprobe hören dürfen und die legendäre „West Side Story“. Und auch Helen Schneider wird ihr Konzert mit dem Stuttgart Jazz Orchestra wiederholen. Unser Intendant hat also in diesem Jahr ein umfangreiches und vielfältiges Festspiel-Programm geplant und die Verkaufszahlen sprechen auch eine eindeutige Sprache: Holk, herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Saison!

Und danach gibt es ja noch zwei Opernproduktionen und das Abschlusskonzert mit Chor und Bläsern um Uli Meiß.

Erlauben Sie mir für die „Hersfeld-Neulinge“ des Ensembles und im Publikum eine kurze Vorstellung unserer Gesellschaft:

Die „Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine“ ist der Gründungsverein der Bad Hersfelder Festspiele, eine Bürgerinitiative im besten Wortsinn, die vor 60 Jahren gegründet wurde.

Bis 1951 hatte es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sporadisch Musik- und Theateraufführungen in der Stiftsruine gegeben. Die Magie dieses zerstörten Kirchenraumes war bereits bekannt, aber es wurde schnell klar, dass das große Ziel, regelmäßige Festspiele nach dem Vorbild Salzburgs zu veranstalten, nur durch eine breite Unterstützung der Hersfelder Bevölkerung erreicht werden konnte. Zu diesem Zweck wurde die „Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine“ gegründet, die in den ersten Jahren die komplette Organisation unter der Intendanz von Johannes Klein leistete. Mit der zunehmenden Professionalisierung erkannte man jedoch, dass auch die Verwaltungsstrukturen professionalisiert werden mussten und zum Glück gab es verantwortungsvolle Politiker in der Stadt, die die Bedeutung der Hersfelder Festspiele erkannten und die Rechtsträgerschaft übernahmen.

Die Gesellschaft widmete sich nun neuen Aufgaben. Als gemeinnütziger Verein versteht sie sich zum Beispiel als Mittler zwi-schen Sponsoren und den Festspielen. Die Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg unterstützt die Festspiele alljährlich über die Gesellschaft mit einem beträchtlichen Betrag. Am letzen Freitag konnte man in der Hersfelder Zeitung von der Spendenübergabe der Firma Linde Ladenbau lesen. Vielleicht ist dies ja auch ein Anreiz für den ein oder anderen potentiellen Sponsor im Publikum. Sie dürfen sich vertrauensvoll an mich wenden!

Seit 1962 zeichnen die Gesellschaft und die Stadt Bad Hersfeld Schauspielerinnen und Schauspieler für herausragende künstlerische Leistungen mit den Hersfeld-Preisen der Festspielsaison aus, einem Kritikerpreis, der für die Vita der Darsteller große Bedeutung hat. Aus diesem Anlass haben wir uns heute hier versammelt.

Seit ca. 20 Jahren organisiert und betreut die Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine Einführungsvorträge für die Festspiel-Stücke. Sie werden in diesem Jahr in der Festspiel-Lounge vor dem Eingang der Stiftsruine jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn von Intendant Holk Freytag persönlich gehalten.Und hier die frohe Botschaft für den Intendanten und die Festspielverwal-tung: In diesem Jahr wird es auch von der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine eine Spende für die personalaufwändige Produktion „Der Name der Rose“ geben!

Als nächstes Projekt plant die Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine in enger Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister, der Festspiel-Verwaltung, dem Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung eine ständige Aus-stellung zu den Bad Hersfelder Festspielen. Ideen hierzu sind herzlich willkommen

In einer Veranstaltungsreihe sollen namhafte Festspiel-Schauspieler ihre Soloprogramme in der „festspielfreien“ Zeit präsentieren. Beispiele dafür waren in diesem Jahr die Lesung mit Julian Weigend, der übrigens in der kommenden Woche unsere Festspielstadt wieder einmal besucht. Volker Lechtenbrink stellte erfolgreich in der voll besetzten Stadthalle sein Buch vor.

Nächsten Samstag, am 16. Juli ist um 15:30 Uhr Glenn Walbaum, der langjährige musikalische Leiter der Festspiele mit seinem Programm „Kästners Glossen für Zeitgenossen“ in der Hauptstelle der Sparkasse zu Gast. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die legendäre „Musik an zwei Klavieren“ von Glenn und Pit Janssens am gleichen Ort. Das Kästner-Programm wurde übrigens vom ehemaligen Intendanten Günter Fle-ckenstein inszeniert. Noch gibt es Karten in der Kartenzentrale.

All diese Aktivitäten und viele weitere Fakten zur Gründung und Ge-schichte der Bad Hersfelder Festspiele hat zu unserem 60jährigen Jubiläum Hans Jürgen Dietz unter anderem aus den Nachlässen von Johannes Klein, dem ersten Intendanten und Hans Petsch, dem ersten musikalischen Leiter, der übrigens auch unsere Festspielfanfare komponiert hat, in einer ausführlichen Dokumentation zusammengestellt. Es gibt noch einige wenige Exemplare, Sie können Sie für 10 Euro am Ausgang im Portal der Stiftsruine kaufen.

Neben den Festspielen hat auch die Oper ihren Platz in der Stiftsruine ge-funden, wenn auch nicht unter dem Schirm der Bad Hersfelder Festspiele. Dies hat in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten geführt.

Deshalb habe ich ein besonderes Anliegen: Aus dem Nebeneinander von Bad Hersfelder Festspielen und der Oper in der Stiftsruine muss in absehbarer Zeit (ich nenne das Projekt in Anlehnung an ein bekanntes Bahnhofsprojekt „Festspiele 2015“) ein Miteinander im Sinne von kultureller Vielfalt auf professionellem künstlerischem Niveau werden. Zusätzlich sollte die einzigartige Atmosphäre der Stiftsruinenbühne auch für große Konzerte aus Klassik, Jazz und Popmusik geöffnet werden, vielleicht sogar für Tanz und andere künstlerische Ausdrucksformen.

Dazu muss dringend über neue Nutzungsvereinbarungen dieses zauber-haften Raumes nachgedacht werden. Vielleicht war der existierende Vertrag aus dem Jahre 1997 in der damaligen Situation richtig, die Vertragskonditionen und -dauer verhinderten aber eine kontinuierliche Weiterentwicklung im Sinne künstlerischer Zusammenarbeit.

Es darf nicht sein, dass Veranstaltungen wie Helen Schneiders Eröffnungskonzert oder das grandiose Konzert mit dem Dresdner Kreuzchor am letzten Dienstag nur nach anwaltlichen Auseinandersetzungen stattfinden können.

Es darf nicht sein, dass sich Kulturschaffende gegenseitig Konkurrenz machen, denn sie werden zu einem nicht unerheblichen Teil durch Steuergelder unterstützt. Diese Steuergelder ermöglichen die Darstellung einer kulturellen Vielfalt und Bandbreite um die uns alle anderen Länder dieser Welt beneiden.

Ich bin nicht so vermessen, zu glauben, dass unsere Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine oder ich diese Probleme alleine lösen können. Die Lösung kann nur im Dialog miteinander gefunden werden. Ich biete allen Beteiligten, allen Interessengruppen und Parteien an, die augenscheinlichen Verwerfungen im Sinne einer Mediation zur Sprache zu bringen und gemeinsam eine Organisationsform zu einem tragfähigen Zukunftskon-zept zu entwickeln. Die Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine wird dazu konkrete Terminvorschläge unterbreiten.

Diesen Dialog können wir sofort beginnen und so lade ich unsere Mit-glieder, die Preisträger und die Jury, die Mitglieder des Ensembles, die Festspielverwaltung und –technik zu einem kleinen Empfang im An-schluss an unsere Preisverleihung in die Festspiel-Lounge, dem Zelt ne-ben dem Haupteingang ein. Eine besondere Einladung gilt denjenigen, die sich spontan entscheiden können Mitglied der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine zu werden. Anmeldekarten halte ich in großer Zahl bereit. Ich freue mich auf konstruktive Gespräche!

Lassen Sie mich zum Schluss noch denjenigen danken, ohne die diese Festspielpreis-Verleihung nicht stattfinden könnte: Unserem Bürgermeister Thomas Fehling mit der gesamten Festspielverwaltung unter der Leitung von Karl Schmidt. Danke an die Ton- und Bühnentechnik, die unsere Bühne in diesem Jahr mit Requisiten aus allen 4 Stücken ausgestattet hat. Danke an all die fleißigen Helfer im Hintergrund, die für Ihr Wohlbefinden und Ihre Sicherheit sorgen.

Danke auch an Markus Pfromm, der die Juryarbeit koordiniert hat und heute die Moderation unserer Preisverleihung übernimmt.

Herzlichen Dank dem Saxophon-Quartett „Saxophonics“, das für den musikalischen Rahmen sorgt.

Und nicht zuletzt herzlichen Dank auch an Holk Freytag, der auch in diesem Jahr unsere Veranstaltung mit künstlerischen Beiträgen des Ensembles bereichert.

Ich wünsche uns nun eine heiter-entspannte Veranstaltung, eine interessante Festrede von Professor Keim, eine spannende Hersfeldpreis-Verleihung und im Anschluss daran eine lebhafte und zielführende Diskussion.

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