Festspielchor unter Siegfried Heinrich glänzte wieder einmal bei Weihnachtsoratorium

Festliches Lachen mit Bach

Großes musikalisches Aufgebot in der Hersfelder Stadthalle: Siegfried Heinrich dirgiert Bachs Weihnachtsoratorium. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Hat Bach gelacht? Bei all dem immensen Forschungsertrag wissen wir immer noch wenig über die berufliche Praxis und auch über das subjektive Erleben des Thomaskantors. Doch die Rezeption schreitet voran, und wer weiß, vielleicht wird einmal das Weihnachtsoratorium nicht nur konzertant, sondern auch theatralisch aufgeführt – als überdimensionales Krippenspiel.

Doch vorerst stehen an die hundert dunkel gekleidete Chorsänger im Angesicht eines etwa 500-köpfigen erwartungsfrohen Publikums in der Stadthalle, um die musikalischen Segnungen am Beginn des Kirchenjahres und des Advents zu empfangen. Dazu Vokalsolisten und ein bunt bestücktes Orchester.

Wieder göttlich

Es lässt sich nur so sagen: Der Bad Hersfelder Festspielchor samt den Nebenabteilungen aus Marburg und Frankfurt sang wieder einmal göttlich. „Jauchzet, frohlocket“, der appellative Eingangschorsatz, wurde zum modellhaften Aufriss einer akustischen Bühne, zum tönenden Klang-Raum-Erlebnis, wie es nur Bach und an ihm geschulte Chöre vermitteln, zum Leuchten und Glänzen durch kontrapunktische Dichte und gestresste Gemüter hindurch: „Lasset das Zagen, verbannet die Klage!“

Nicht minder festlich einschwingend, ja mitreißend der figurale Chorsatz im zweiten Teil: „Ehre sei Gott in der Höhe“, speziell mit Sopranstimmen wie aus einem Mund und Geist, vorbildlich exakt in der flotten, windungsreichen Spur wie ein weltmeisterlicher Formel-1-Rennfahrer. Sie hätten sogar ohne Noten singen können, so ergiebig schöpften sie aus Siegfried Heinrichs von unermesslicher Werkkenntnis und -erfahrung gestütztem und motiviertem Dirigat.

Hat Bach gelacht? Heinrich variierte bei der Auswahl aus den sechs Teilen (Kantaten) des insgesamt fast dreistündigen Oratoriums BWV 248. Er beschränkte sich - ungewöhnlich - auf die ersten beiden Teile (bis zum Engelslobpreis) und fügte die separate Weihnachtskantate „Unser Mund sei voll Lachens“ BWV 110 (zum 1. Festtag 1725) an. Sie treibt mit dem Psalm 126 das musikalische Lachen und Rühmen noch weiter und ist ebenfalls mit Trompeten und Pauken, Flöten und Oboen als festlichen Instrumentalchören besetzt.

Hellhöriges Ensemble

Die Virtuosi Brunenses aus der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn (Brno) erweisen sich mit jedem Auftritt mehr als gewandtes, hellhöriges, sich in Bachs Kosmos mühelos einfühlendes Barockensemble mit homogenem Streichertutti (Konzertmeister Karel Mitas) und expressiven, nuancierten Bläsersolisten - nennen wir Ondrej Jurceka (Trompete I), Petr Pomkla (Flöte I), Rastislav Kozon (Oboe I) und Petr Tater (Fagott) und vergessen nicht im Basso-continuo-Bereich Christa Heinrich (Orgelpositiv), Markus Fischer (Cembalo) und die unvergleichliche Katarina Madariová (Violoncello).

Natürlich hat Bach gelacht. An diesem Vorabend des Advents sogar zweimal. Denn der mächtige, mächtig fordernde Kantateneingang „Unser Mund sei voll Lachens“, bei dem Bach den vierstimmigen Chorsatz in einen bestehenden Orchestersatz (der Ouvertüre D-Dur BWV 1069) genial hineinkomponierte - das konnte nur er - wurde als Zugabe wiederholt.

Geteiltes Vergnügen

Bleiben die Vokalsolisten. Oft und auch hier unternehmen junge Sänger aus der Hochschulausbildung frühe Schritte auf die Konzertplattform. Ein geteiltes Vergnügen, denn die Präsentationslust siegt einstweilen noch über die Podiumssicherheit. Der Weg zur Sängerpersönlichkeit ist weit und hier am weitesten fortgeschritten beim Karlsruher Tenor Sebastian Kohlhepp mit flexibler, flüssiger, sprachlich feiner Ausformung von Rezitativ und Arie. Die Übrigen – Johanna Knauth (Berlin; Sopran), Uta Runne (Berlin; Alt) und Christos Pelekanos (Frankfurt; Bass) – brauchen noch Entwicklung der körpereigenen Resonanzräume, brauchen gestalterische Tiefe.

Die Sopranistin und Altistin, die eine mit kleinen, die andere mit größeren Aufgaben, hatten freilich eine saubere Tonfokussierung bzw. ein geschmeidiges Legato für sich, der Bassist einen forschen stimmlichen Zugriff. Viel Beifall und kleine Präsente für die Solisten.

Angemerkt

Von Siegfried Weyh

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