Festspielchor bringt die Teile I, II und VI von Bachs Weihnachtsoratorium in die Stadthalle

Die Ferne rückt plötzlich nah

Tenor Falk Hoffmann präsentierte seine Partie, zu der auch die Rezitative aus dem Lukas-Evangelium gehörten, vorbildlich. Fotos: Sennewald

Bad Hersfeld. Schon mit dem Diesseits tue er sich ja schwer, meinte kürzlich der soeben 60-jährige Wolfgang Rihm, Deutschlands erfolgreichster lebender Komponist, in einem Rundfunkinterview auf die Frage nach seinem Jenseitsglauben. Vielleicht lag ihm die Goethe-Gedichtzeile im Sinn: „Schon ist alle Nähe fern.“

Am Jahresbeginn, an der Wende vom alten zum neuen Kirchenjahr nämlich, empfinden Christen da anders: Betrauerten sie eben noch ihre Toten und bekamen eine Ahnung von Ewigkeit, so ist plötzlich aus Ferne Nähe geworden, ist der Retter in Kindesgestalt erschienen. Johann Sebastian Bach jauchzt und frohlockt folglich am Beginn seines Weihnachtsoratoriums nicht in höchsten Tönen, sondern zunächst in tiefer Lage. Theologie und Menschennähe bereits in den ersten Takten.

Der Göttlichkeit auf der Spur

Der Göttlichkeit der Musik ist auch Siegfried Heinrich in seiner jahrzehntelangen Auslegung des Weihnachtsoratoriums auf der Spur. Für diesmal, den Vorabend des Advents, hatte er die erste und zweite Kantate ausgewählt, also das Geschehen in Bethlehem bis zum Engelslobpreis, sowie die sechste, letzte Kantate zum Epiphaniasfest mit den Weisen aus dem Morgenland an der Krippe. Heinrich mobilisiert nicht nur die singenden Massen, er formt sie auch zu Verkündern einer Botschaft. Dem mehr als 100-köpfigen Festspielchor gibt er nicht nur präzise Tempo und Rhythmus vor, sondern mit ausgeprägter Oberkörperbewegung auch seine Ausdrucksvorstellung. Der Chor, weit überwiegend die Frauenstimmen, setzt sie mit satter, Raum greifender, in den Koloraturen agiler, in den Choralstrophen inniger Klanglichkeit um. Dankbar sein durfte man besonders für die nicht allzu oft gebotene sechste Kantate „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“, die in Tonalität und Satzkonzept den Bogen zurück zur ersten Kantate schlägt und zugleich im Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen (= gerächt) an eurer Feinde Schar“ auf die Melodie „O Haupt voll Blut und Wunden“ vorausweist auf die Passion Christi.

Die Virtuosi Brunensis als Instrumentalkollektiv bezeugten, dass hohe Bachkompetenz längst gesamteuropäischer Standard ist, auch in der mährischen Hauptstadt Brünn. Gern ließen die Musiker vom Dirigenten die Mittelstimmen beleben und sich zur Stimmungsmalerei anhalten, etwa in der Hirtensinfonie mit einem leider nicht ganz intonationsreinen Oboenquartett. Erlesen die Besetzung in der korrespondierenden Tenorarie von den frohen Hirten mit der obligaten Flöte sowie im Continuo-Part mit Fagott, Kontrabass Pizzicato und Cembalo (kurzfristig eingesprungen: Lukas Kout).

Keineswegs aufdringlich

Falk Hoffmann sang seine Partie, zu der auch die Rezitative aus dem Lukas-Evangelium gehören, vorbildlich in Deklamation und vokaler Linie – eine nahegehende und doch unaufdringliche Auslegung. Der Bassist Sebastian Wartig, Dresdner auch er, betonte dagegen zu Recht die kernig und umrissscharf gestaltete Autoritätsgebärde.

Sänger im Herbst ihrer Laufbahn sollten stimmlich haushalten, vor allem in Extremlagen. Die Altistin Renate Kaschmieder aus Niederbayern münzte das sympathisch in die Anreicherung ihrer geschmeidigen Mittellage um und imaginierte so in der sanft wiegenden Schlafarie bildhaft die Gottesmutter mit ihrem Kind. Eher forsch, wie es einer jungen Sängerin entspricht, behandelte die Thüringerin Sara Mengs die Sopranpartie, „Nur ein Wink von seinen Händen“, die A-Dur-Arie der Kantate VI, hätte dennoch bei aller Exklamation mehr Kantabilität verdient gehabt.

Dass uns die heiligen Zeiten allmählich abhanden kommen, zeigt der von Jahr zu Jahr leicht bröckelnde Publikumsanteil. Trotzdem ausdauernder und verdienter Schlussapplaus in der Stadthalle.

Von Siegfried Weyh

Weihnachtsoratorium in der Stadthalle

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