Dieter Wedels Inszenierung geht unter die Haut

Hexenjagd-Kritik: Im Fegefeuer des Fanatismus

Verstörendes Bild zum Abschluss eines starken Premieren-Stücks: Am Ende von Dieter Wedels Hexenjagd hängen drei unbescholtene Bürger von Salem am Galgen, nur weil sei nicht lügen wollten. Fotos: Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Am Ende bleibt Betroffenheit. Drei aufrechte Bürger von Salem hängen am Galgen. Aufgeknüpft, weil sie nicht lügen wollten, weil sie sich nicht zum Pakt mit dem Teufel bekennen wollten, um damit das teuflische Treiben einer enthemmten Willkür-Justiz zu legitimieren.

Dieter Wedels Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd“ ist kein leichtes Sommertheater, sondern ein gedankenschweres Stück mit Tiefgang und einer klaren Botschaft, das der Regie-Routinier mit geradezu quälender Präzision auf die Bühne bringt. Dabei steigert er gekonnt die Spannung, bis das hysterische Treiben in Salem in jener verstörenden Hinrichtungsszene kulminiert.

Das Ensemble

Getragen wird diese „Hexenjagd“ von einem durchweg großartigen Ensemble, das bis in die Nebenrollen hinein überzeugend agiert. Schwer fällt es, hier einzelne Akteure hervorzuheben, denn irgendwie spielt fast jeder eine Hauptrolle. Kraftvoll und dennoch in seiner Zerrissenheit authentisch Christian Nickel als John Proctor. Elisabeth Lanz, sinnlich und warmherzig, ganz anders als die etwas spröde Elizabeth Proctor in Millers Original, die um ihren Mann kämpft und ihn um der Wahrhaftigkeit Willen aufs Schafott steigen lässt. Verführerisch und luderhaft Corinna Pohlmann als Abigail, die ihre fabelhafte Mädchengang gerissen durch die Intrigen führt, die Männer verhext und doch nicht Proctors Herz erobern kann.

Richy Müller tritt als Reverend Hale zunächst auf wie ein Kopfgeldjäger in einem Italo-Western und zeigt dann deutlich seine Wandlung vom Ankläger zum Zweifler, der als Retter zuletzt scheitert, immerhin aber den Intriganten richtet. Herrlich schleimig spielt der wunderbare André Eisermann den bigotten Pfarrer Parris, der den Mädchen erst nachsteigt, um sie dann anzuprangern.

Auch Bettina Hauenstein und Rudolf Krause überzeugen als intrigant-eiferndes Ehepaar Putnam, Hans Diehl als Richter Sewall, dem das Recht, das er durchsetzen will, immer mehr entgleitet. Kalt und unbarmherzig spielt André Hennicke den gnadenlosen Thomas Danforth.

Die Herzen der Zuschauer erobern mit jungenhaftem Charme der scheinbar alterslose 80-jährige Horst Janson als kauziger Giles Corey und die sympathische Brigitte Grothum als Rebecca Nurse. Hersfeld-Preisträger Christian Schmidt fabelhaft-fies den Kleinstadt-Bullen mit Bierbauch. Janina Stopper spielt anrührend das hin- und hergerissene Hausmädchen Mary Warren. Motsi Mabuses Bühnen-Debüt in der kleinen, aber wichtigen Rolle der Tituba, macht Lust auf mehr.

Einfach nur hinreißend ist Jasmin Tabatabai, die mit Mut zur Hässlichkeit als dreckstarrende Bettlerin Sarah Good in den Filmeinspielungen mit kleinen Gesten und großem Mienenspiel das Stück lenkt. Abgerundet wird das großartige Ensemble durch die Akteure des Bad Hersfelder Chorvereins, die vielen starken Szenen, wie etwa den Demonstrationen, die nötige Wucht verleihen.

Bühnenbild

Dieter Wedel inszeniert das eigentlich eher als Kammerspiel angelegte Stück, indem er die Weite der Stiftsruine zunächst lange zustellt. Es mag nicht jedem gefallen, dass das Puppenhaus-artige Bühnenbild den Blick ins Kirchenschiff versperrt. Die Schauspieler agieren in dieser Kulisse zuweilen etwas zu weit weg von den Zuschauern. Eindringlicher wird daher das Spiel, als nach der Pause die Akteure dichter am Publikum spielen.

Die LED-Leinwand

Filmeinspielungen sind das Markenzeichen von Dieter Wedel, die er nun erstmals auch in Bad Hersfeld einsetzt. Eigentlich hat ein so starkes Schauspiel-Ensemble diese visuelle Unterstützung nicht nötig. Dennoch liefern die – oft in schwarz-weiß gehaltenen – Videosequenzen eine künstlerische Metaebene, die in dieser Inszenierung gekonnt für neue Blickwinkel auf das Stück genützt wird.

Die Botschaft

Salem ist überall, jederzeit. Und schon morgen könnte jeder von uns am Pranger des Fanatismus stehen. Diese auch im Untertitel des von Dieter Wedel völlig neu bearbeiteten Stücks stehende Botschaft wird glasklar. Warum Wedel das Stück allerdings ausgerechnet in den 1930er Jahren spielen lässt wird angesichts dieser zeitlosen Botschaft nicht deutlich. Mit Anspielungen auf die unterschiedlichsten Hexenjagden – islamischer Terror, Nazi-Propaganda oder Polizeiwillkür – zeigt Wedel, wie schnell aus einem pubertären Kinderspiel ein loderndes Fegefeuer des Fanatismus werden kann.

Das geht unter die Haut und entlässt nach gut zweieinhalb Stunden Spielzeit plus Pause ein nachdenkliches Publikum in die Geisterstunde. Zuvor gab es gut acht Minuten Applaus und stehende Ovationen. Verdient! Die Feuerprobe ist gelungen.

Von Kai A. Struthoff

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