Bad Hersfelder Festspiele: Ben Beckers als Rezitator und eine neue Ära

Der Tod als Faszinosum: So war Verdis Requiem in der Stiftsruine

Konzentriert bei der Sache: Die Musiker.

Bad Hersfeld. Dass dies möglich wäre, hätten die wenigsten der gut eintausend Besucher in der Stiftsruine erwartet. Dass nämlich an einer mit viel personellem, künstlerischem, organisatorischem und medialem Einsatz betriebenen programmatischen Zeitenwende der Festspiele hin zu ernster Musik gleich ein solcher Erfolg eintreten würde. Eine Marke wurde am Samstag gesetzt.

DER GENERALNENNER

Ein neuer musikalischer Leiter, eine neue chorische Hundertschaft, ein neues Orchester, in Bad Hersfeld unbekannte Solisten und vor allem: alle gemeinsam in der offiziellen Obhut der Festspiele – nach über fünf Jahrzehnten klassischer Musik in AfM-Trägerschaft. Ein denkbar ernstes Menschenthema sollte es zu Beginn sein – Sterben, Tod, Ewigkeit als Faszinosum.

Ein musikalisches Requiem, dasjenige Giuseppe Verdis, wohl das gewaltigste, persönlichste, ergreifendste überhaupt.

Und auch die aktuelle Wiedergabe am Samstag trug diese Züge. Der Intendant selbst hatte die Entscheidung für dieses Werk getroffen, und es lässt sich leicht voraussagen, dass auf dieser Schiene künftig weitere Konzerte und Opern, auch szenisch, gespielt werden.

DER DIRIGENT

Ulrich Manfred Metzger entstammt der (Ost-)Berliner Schule Prof. Rolf Reuters, kann auf reiche internationale Erfahrung verweisen, nun stärker auch in leitender Position. Unverkennbar seine eigene dirigentische Handschrift. Sehr gerade stehend, kennt er in exakten, sparsamen Bewegungen keinerlei Aufgeregtheit, sendet aber unentwegt Impulse, schlägt sehr rasche Tempi an, koordiniert die Klanggruppen trotzdem souverän, zum Ende hin in wachsender individueller Beredsamkeit.

DER CHOR

Als Hessischer Konzert- & Festspielchor firmiert diese Vereinigung von Mitgliedern aus ganz Hessen mit Verstärkung aus der Partnerregion Großpolen erst seit März 2016. Wie sich zeigte, ein überaus homogenes 94-köpfiges Kollektiv, dessen Werkformung bei genauer Beachtung der weichen, offenen, „italienischen“ Aussprache des Lateinischen anfängt, in der enormen Klangballung (und Transparenz!) des „Dies irae“ seine stärkste stimmliche Ausladung erfährt und in den beinahe intimen, wie mit dem Silberstift gezeichneten Fugendurchführungen noch nicht zu Ende ist.

DIE SOLISTEN

Ein international bewährtes, auch opernerfahrenes und mit viel Italianità ausgestattetes Quartett, das nur im Verbund leichte Trübungen zuließ. Einzeln jedoch hat das stärkste Kompliment der Deutsch-Russin Evelina Dobraceva im höchst anspruchsvollen Sopranpart zu gelten: Gleichermaßen die akustische Verkörperung einer verwundeten Seele und die eindringliche Illumination des ewigen Lichts.

Verhaltener in seiner feinen Lineatur, doch in der Tiefe etwas matt der Mezzosopran der Österreicherin Constance Heller. Auch ein Tenor, der das „Ingemisco“-Solo auswendig singt und dabei die unangenehme Tessitura (= Stimmlagencharakteristik) so fundiert, flüssig, leuchtend meistert wie der Koreaner Sung Min Song, findet sich nicht alle Tage. Tobias Schabel gebietet über eine eher „deutsche“ Bass-Statur, bräuchte aber für die Tonbildung mehr Vordersitz.

DAS ORCHESTER

Karlsbader Sinfonie-Orchester – das lässt an Provinz denken, ist es freilich nicht. Eher eine stimmige Vereinigung ausgezeichneter Instrumentalisten aus ganz Tschechien (auch der in Bad Hersfeld bekannten Virtuosi Brunenses). Sie alle entfalten für Verdis Opus sacrum äußeren Glanz, aber auch subtile Detailausformung, dazu einen stetigen Zug nach vorn.

DER REZITATOR

Keineswegs als Füllsel, vielmehr als integraler Teil der Aufführung verstand sich der Beitrag des prominenten Schauspielers Ben Becker. Auf der Seitenbühne postiert, rezitierte er thematisch bezogene Textausschnitte. Da durfte man schwelgen in Beckers unnachahmlich sonorer, dann wieder aufgehellter Bassstimme, in seiner präzise schwingenden Artikulation und seinem organischen Sprechduktus, der an den Texten geradezu Maß zu nehmen schien.

Nach 110 Minuten überschwänglicher Beifall und Blumen.

Eine zweite Aufführung gibt es am Montag, 8. August, um 20.30 Uhr. Karten unter Telefon 06621/640200.

Von Siegfried Weyh

Ben Becker im Interview

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