Interview im Riesenrad: Historiker Steve Kayser würde das Lullusfest gerne als Kulturerbe sehen

Fasziniert von Volksfesten

Historiker Steve Kayser hat eine besondere Leidenschaft: Volksfeste. Am Bad Hersfelder Lullusfest gefällt ihm vor allem die besondere Atmosphäre. Den passenden Schal hat er auch schon. Foto: Marth

Bad Hersfeld. Volksfeste liegen ihm am Herzen: Steve Kayser ist nicht nur ein renommierter Historiker, sondern auch ein großer Fan der Schaustellerei. Am Sonntagabend hat der Mit-Organisator des ältesten Volksfests Luxemburgs die Lolls-Festansprache in der Stiftsruine gehalten. Im Interview sprach er über die Faszination von Volksfesten.

Herr Kayser, hier vom Riesenrad aus haben Sie den gesamten Marktplatz im Blick. Was gefällt Ihnen am besten?

Steve Kayser: Keines der Fahrgeschäfte, sondern die einzigartige Atmosphäre. Es ist dieses, sagen wir, Temporäre: Man weiß, es ist nur für eine begrenzten Zeit da, kommt dann aber irgendwann wieder. Das ist für mich der Reiz der Schaustellerei. Hier in Bad Hersfeld ist diese einzigartige Atmosphäre ganz besonders – mitten in der Stadt, das hat so etwas Familiäres, man fühlt sich wohl.

Sie haben am Sonntagabend die Festansprache in der Stiftsruine gehalten und dabei die Forderung, das Lullusfest als eines der ältesten Volksfeste Europas als Kulturerbe zu schützen, unterstrichen. Warum treten Sie dafür ein?

Kayser: Ich denke, dass die Schaustellerei im Allgemeinen schlecht wegkommt, wenn es um kulturelle Angelegenheiten geht. Dabei trägt sie so eine Urform des Vergnügens in sich. Volksfeste sind wichtige Plätze in unserer Kulturlandschaft, denn dort kommen Menschen einfach so zusammen, egal welche Herkunft sie haben, wie sie aussehen, oder wie viel Geld sie haben. Deshalb trete ich dafür ein, dass man auf europäischer Ebene und später dann vielleicht auch auf UNESCO-Ebene die Schaustellerei und damit verbundene Veranstaltungen schützt.

In Ihrer Heimat wirken Sie bei der Organisation des ältesten Luxemburgischen Volksfestes, der „Schueberfouer“, mit. Seit wann engagieren Sie sich für solche Feste?

Kayser: Wenn Schouberfouer oder Kirmes im Dorf war, war ich von Klein auf mit dabei, all das hat mich fasziniert. Das war bei mir also schon ein kindliches Engagement und ist dann gewachsen.

Interessieren Sie als Historiker mehr Geschichte und Tradition oder haben Sie auch etwas für die Fahrgeschäfte übrig?

Kayser: Beides. Ich wollte schon immer auch hinter die Kulissen schauen, auch die Fahrgeschäfte und vor allem die Schausteller dahinter haben mich interessiert. Für mich ist das ein Lebensort mit Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen und eine Tradition haben, die sie von Generation zu Generation weiterreichen – das fasziniert mich.

Heute gilt vielerorts das Motto: höher, schneller, weiter. Sind davon nicht auch Jahrmärkte betroffen?

Kayser: Ja ganz klar, aber man muss sich immer bewusst sein: Alles, was wir heute als Fahrgeschäfte kennen und benutzen, gab es eigentlich schon früher in irgendeiner Form. Das, was wir damit erreichen wollen, nämlich unsere Gefühle und Sinne zu täuschen, gab es alles schon. Diese Urformen finden wir überall wieder, auch wenn es jetzt schneller, höher und größer wird.

Also halten Sie Volksfeste schon noch für zeitgemäß?

Kayser: Definitiv. Ich trete auch ganz konsequent dafür ein und bin zum Beispiel bei uns in Luxemburg immer sauer, wenn jede kleine Gemeindeverwaltung ein Fest „xy“ für jeden Anlass organisiert, anstatt die Dorfkirmes wiederzubeleben und zum Beispiel ein Fest für unsere ausländischen Mitbürger auf diesen Tag legen. Kirmesplätze haben auch etwas Integratives und bringen Menschen zusammen.

Glauben Sie, Volksfeste, oder zumindest das „Traditionelle“ an ihnen, sterben irgendwann aus?

Kayser: Das würde ich momentan nicht behaupten, denn man sieht auf den Festplätzen, wie Nostalgiekirmessen wieder auftauchen. Überall ist dieser Trend vorhanden, so eine kleine Nostalgiekirmes zu organisieren, nostalgische Geschäfte wieder zu holen – und das zieht beim Publikum.

Von Kristina Marth

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