Überfall auf Hersfelder Spielothek: Bewährung für 55 und 63 Jahre alte Täterinnen

„Da ist fast jedes Mittel recht“

Bad Hersfeld. Was treibt zwei 63 und 55 Jahre alte Frauen dazu, eine Spielhalle zu überfallen? Sich mit angeklebtem Oberlippenbart als Mann zu verkleiden und mit einer Spielzeugpistole die Aufsicht zu bedrohen? Tatort war am 3. November vergangenen Jahres gegen 22.30 Uhr eine Spielhalle in der Dudenstraße. Gestern mussten sich die beiden Hersfelderinnen vor dem Schöffengericht verantworten.

Obwohl die Beute lediglich vier Euro aus der Getränkekasse betragen hatte, handelte es sich um eine räuberische Erpressung mit einer Pistolenattrappe, für die im Regelfall eine Freiheitsstrafe von drei Jahren verhängt wird. Zudem wurde den Frauen ein Trickdiebstahl zur Last gelegt, bei dem sie am 11. Oktober 2009 in einer anderen Spielothek 600 Euro erbeutet hatten.

Die ältere Angeklagte wohnt seit 24 Jahren in Bad Hersfeld, ist geschieden und lebt derzeit von Arbeitslosengeld, da sie durch den Raubüberfall ihre Arbeitsstelle verloren hat. Ihre Probleme begannen, als ihr Lebenspartner plötzlich spurlos verschwand und sie die Wohnkosten nicht mehr allein tragen konnte. „Ich habe die Zimmer mit Kerzen beleuchtet“, erzählte sie, „und das war zu der Zeit, als ich meiner Freundin wieder begegnete, die mich sofort bei sich aufnahm.“

Null Euro auf dem Konto

Besagte Freundin ist die zweite Angeklagte, ebenfalls geschieden und seit 20 Jahren in Bad Hersfeld zuhause. Sie hält sich mit Hartz IV und Minijobs über Wasser. „Damals wohnte noch meine erwachsene Tochter bei mir“, berichtete sie, „die hat ebenfalls Arbeitslosengeld bekommen, weigerte sich aber, irgendwo zu arbeiten. Das Sozialamt verhängte dann Sanktionen: Oft landeten null Euro auf meinem Konto.“

In dieser Situation suchten die beiden hochverschuldeten Frauen nach einer Lösung für ihre finanziellen Schwierigkeiten und entschlossen sich spontan zu Diebstahl und schließlich zu bewaffnetem Raubüberfall. „Es war eine Kettenreaktion. Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist einem bald jedes Mittel recht. Es ging uns nur ums Überleben.“

Schnurrbart und Spielzeug

Da die jüngere Täterin im Zuge ihrer schlechten Finanzlage ein leichtes Spielproblem entwickelte, kannte sie sich in den örtlichen Spielotheken recht gut aus, wollte aber nicht erkannt werden. So gab sie ihrer Freundin zur geeigneten Zeit ein Zeichen und überließ ihr die Ausführung der Tat.

Daran erinnerte sich die 42-jährige Aufsicht vor Gericht wie folgt: „Sie richtete mit beiden Händen eine Waffe auf mich und warf mir einen Zettel zu“, sagte die Zeugin aus. „Dann forderte sie nochmal mündlich die Herausgabe des Geldes, so erkannte ich die Frauenstimme. Ich wollte einfach nur weg und flüchtete zur Toilette, von wo aus ich die Polizei informierte.“ Die Täterin war aber bereits verschwunden.

Zwei Jahre auf Bewährung

Da die Angeklagten geständig waren, ihr Handeln bereuen, niemanden ernsthaft schädigten und die Tat eher dilettantisch ausgeführt wurde, plädierten Staatsanwalt Harry Wilke sowie die beiden Verteidiger Jochen Kreissl und Eduard Karabelnikov übereinstimmend für einen minderschweren Fall und Bewährungsstrafen.

Richter Michael Krusche verkündete im Namen des Gerichts für beide Angeklagte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Darüber hinaus wurden jeweils einhundert Stunden gemeinnützige Arbeit verhängt.

„Es tut uns aus tiefstem Herzen leid“, versicherten die Verurteilten und schlossen nach Ende der Verhandlung weinend ihr Opfer in die Arme.

Von Nina Skrzyszowski und Christina Pistor

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