Joern Hinkel hat Otfried Preußlers Jugendroman auf die Bühne gebracht

So war "Krabat": Das Familienstück funktioniert auch für Erwachsene

+
In diesem Moment entscheidet sich Krabats Schicksal: Der Meister (Robert Joseph Bartl) mit der Kantorka (Kristin Heil).

Bad Hersfeld. Anfangs ist es einfach das gute Gefühl zu wissen, wo er hingehört, das Krabat in der Mühle am Koselbruch hält. Die Gemeinschaft der Müllersburschen, ein Platz zum Schlafen und gutes Essen reichen dem Flüchtlingsjungen, der sonst niemanden mehr hat.

Doch bald erliegt Krabat dem Reiz der Macht. Zaubern können, sich die Arbeit leicht machen und Herrschaft über andere erlangen, das fasziniert den Jungen sehr. Und dann noch die Aussicht darauf, einmal den Meister zu beerben, dessen Nachfolger zu werden und mit den Mächtigen der Welt zu verkehren. Die Versuchung ist groß.

Aktualität herausgearbeitet 

Joern Hinkel hat Otfried Preußlers Jugendroman „Krabat“ für die Bad Hersfelder Festspiele auf die Bühne gebracht und dabei die Aktualität des Stoffes, der auf einer alten Sage beruht, herausgearbeitet: Die Methoden des Meisters erinnern an die Versprechungen religiöser oder politischer Extremisten, heute wie früher: Ein abgeschlossener Kreis, kaum Kontakt zur Außenwelt, ein System aus Vergünstigungen und Bedrohungen, die Perspektive auf ein besseres Leben. Dafür nehmen die Müllersburschen dann auch in Kauf, dass jedes Jahr einer von ihnen sterben muss.

Doch Krabat ist einer, dessen Wertesystem nicht völlig verschüttet ist. Anton Rubtsov spielt ihn als zunächst verloren wirkenden Jungen, dessen Neugier und Lust aufs Leben immer stärker werden, der selbstbewusst aufbegehrt und seinen guten Kern bewahrt hat.

Krabat: So sieht das Familienstück aus

Starke Leistungen zeigen auch Rasmus Borkowski als zweifelnder, mitfühlender und hilfsbereiter Tonda, Peter Englert als vermeintlich dummer Juro, der seinen wachen Geist hinter Tölpelhaftigkeit und Verfressenheit verbirgt und Nicole Sydow als kindlich-naiver, munterer Lobosch sowie Karolin Leweling und Kristin Heil als Worschula und Kantorka.

Profil und Charakter 

Besondere Authentizität gewinnt die Inszenierung dadurch, dass junge Flüchtlinge und Jugendliche aus der Region als Mühlenknappen mitspielen. Michael Kashour, Nico Otto, Jakim Leipold, Finn Schönholtz, Zeeshan Ilyas, Diyar Ithan, Stefan Brakovski und Ahmad Al Ahmad geben ihren Figuren Profil und Charakter und meistern auch ihre Textpassagen souverän, obwohl die Flüchtlinge ja kürzlich erst Deutsch gelernt haben.

Wahrhaft meisterlich agiert Robert Joseph Bartl: Seine Figur des Meisters ist vielschichtig. Selten wird er laut, arbeitet zumeist mit subtiler Drohung und zeigt doch auch menschliche Regungen, um dann im nächsten Moment einen kaltblütigen Mord zu begehen.

Ein Glücksgriff ist zudem Viola von der Burg als Erzählerin. Ihre eindrucksvolle Stimme und ausgeprägte Sprechkultur beeindrucken ebenso wie die Wandlung in handelnde Figuren in Sekundenbruchteilen durch Körperhaltung und Stimme.

Als Bühnenbild hat Jens Kilian eine düstere Fachwerkmühle geschaffen, die nach Bedarf auf- und zugeschoben wird. Schwarze Stelen in der Apsis dienen, wie schon bei der Hexenjagd, als Wald, Ella Späte hat zeitlose Kostüme entworfen, deren dezente Farbigkeit die Stimmung in der Mühle unterstützt. Bunte Farben tragen nur die Mädchen aus dem Dorf. Bewusst hat sie auf Rabenkostüme verzichtet. Stattdessen lassen die Burschen Rabenmodelle durch den stilisierten Wald fliegen.

Begeisterter Applaus im Stehen, Jubelrufe und Pfiffe, dankten dem Ensemble für eine gelungene Inszenierung, an der auch Erwachsene viel Freude haben. (zac)

Kommentare