Johanna Willms findet Auswanderer Henry Sauer in Sydney durchs Telefonbuch wieder

Die Familie ist vereint

Ostern 2009: Während ihres Studiensemesters in Australien besucht Johanna Willms (Mitte) Henry und Nancy Sauer in Sydney. Zusammen mit Florian Gerlach hatte sie die beiden aufgespürt.

Bad Hersfeld / Sydney. Johanna Willms hat ihn wiedergefunden, ihren verschollenen Großcousin aus Australien, Henry Sauer. „Von einer Postkarte wusste ich noch, dass er in Sydney gewohnt hat, deshalb hab ich mich dort einfach in die nächste Telefonzelle gestellt und alle Sauers angerufen“, sagt die 21-Jährige. Bei dem ersten, den sie erreicht hat, war sie gleich richtig. Ein paar Stunden später schon haben sie sich getroffen. Vor einem Casino. Johanna Willms und Florian Gerlach aus Bad Hersfeld, die beide für ein Auslandssemester nach Australien gereist waren, schüttelten die Hände von Henry Sauer und seiner Frau Nancy.

„Erst habe ich die Geschichte nicht geglaubt“, sagt Nancy Sauer auf Englisch und lacht. Die gebürtige Holländerin hatte zuerst mit Johanna Willms am Telefon gesprochen. Doch spätestens, als die Hersfelderin die alten Fotos von Henry, damals noch Heinrich Sauer, in der Festspielstadt zückte, gab es keine Zweifel mehr. „Über Ostern haben wir noch eine Woche gemeinsam in Smithfield bei Sydney verbracht“, sagt Johanna Willms. Und dass er seinen 80. Geburtstag ausgerechnet in Bad Hersfeld in der Gaststätte Kleinshöhe feiern würde, hätte Henry Sauer noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. „Über Skype habe ich my german family langsam wieder kennen gelernt. Wenn Johanna nicht nach Australia gekommen wäre, wüsste ich gar nicht, dass meine Familie hier noch existiert“, sagt der Hobby-Funker. Seine Frau, die neben ihm sitzt, kichert. „Wissen Sie, ich verstehe Deutsch nur, weil Henry das immer in seine Sätze mixt.“

Vom Pferd zum Esel

Um das Englische zu lernen,

hatte er sich seit seiner Auswanderung 1954 einige Zeit gequält: „Im ersten Jahr habe ich gedacht, du kommst vom Pferd zum Esel. Du lebst in einem fremden Land, verstehst niemanden und kannst dich nicht verständlich machen. That was sehr hart“, sagt Sauer.

Mit seiner damaligen Frau und zwei Kindern wagte er die Auswanderung in einer Zeit, als es in Deutschland sehr wenig Arbeit gab und in Australien sowie Kanada mehr möglich schien. „Wir dachten uns, in Kanada frieren wir ein - da gehen wir lieber nach Australien.“ Und es hat sich gelohnt. Heute haben Nancy Sauer und er insgesamt 17 Urenkel.

Manchmal hat ihn aber doch das Heimweh gepackt. Und als die Läden noch nicht so mit internationalen Spezialitäten bestückt waren wie heute, hat er seiner Mutter einen Brief geschrieben und sie gefragt, ob sie ihm einen Handkäse schicke. „Aber sie hat das Paket nicht per Luftpost geschickt, sondern mit dem Schiff. Er war also fünf Wochen unterwegs“, sagt Sauer und lacht. Als er dann zur Post gegangen ist, habe ihn der Mann am Schalter in den Garten geschickt. „Da hing das Paket am Baum und hat gestunken wie verrückt“.

Von Judith Strecker

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