Fackelzug und Feierstunde in der Stiftsruine am Vorabend des Lullusfestes

Freiheit und ihre Wirkung

Eine kräftige Attacke schmetterten der alte und der neue Feuermeister gemeinsam mit Bürgermeister Thomas Fehling.Udo Roßbach (rechts) übergab zu Beginn der Feierstunde Fackel und Mantel feierlich an seinen Nachfolger Klaus Otto. Fehling dankte beiden für ihre Dienste für die Stadt.

BAD HERSFELD. Jetzt beginnt sie wieder, die Lollsfreiheit. Sie ist, darauf machte der Geschäftsführer der 250 Jahre alten Hersfelder Zeitung, Markus Pfromm, der in diesem Jahr die Festansprache in der Stiftsruine hielt, aufmerksam, ein wesentlicher Gesichtspunkt von Lolls. Im Ursprung eine Befreiung von Abgaben und Steuern während des Lullusfestes habe sich die Lollsfreiheit inzwischen zu einem freizügigen, festlichen Gefühl gewandelt.

Sorge um Festspiele

Als Pressemann hatte Pfromm jedoch vor allem die Freiheit des Wortes im Blick, die freie Presse, die einen entscheidenden Anteil an der demokratischen Entwicklung unseres Landes getragen habe. Zur Freiheit, da bezog Pfromm sich auf Bundespräsident Joachim Gauck, gehöre aber auch Verantwortung. Und bei aller Freiheit der Rede müssten die Beteiligen auch bei heftigen Debatten, wie sie derzeit um die Festspiele geführt würden, verantwortlich im Blick behalten, wie ihre Worte nach außen wirken. Der Ruf Bad Hersfelds als Festspielstadt im gesamten deutschsprachigen Raum dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden, betonte Pfromm unter dem lebhaften Beifall der Zuhörer in der gut gefüllten Stiftsruine. „Die Festspiele sind das einzige, was Bad Hersfeld von Städten vergleichbarer Größe und Funktion deutlich abhebt“, sagte der HZ-Geschäftsführer. Er zeigte sich besorgt über den Verlauf der Auseinandersetzungen und forderte alle Beteiligten auf zu erkennen, dass sich die Diskussion um die Festspiele nicht nur rund um den Kirchturm führen lasse.

Auch mit Blick auf die Diskussion um die Windkraft am Wehneberg plädierte Pfromm für eine verantwortliche Streitkultur. Und er machte sich dafür stark, die Hersfelderinnen und Hersfelder mit ausländischen Wurzeln, die sich längst als Herschfeller fühlen und das Lullusfest selbstverständlich als ihr Fest mitfeiern, stärker wahrzunehmen und einzubinden. Dafür gab es ebenso Beifall wie für sein klares Bekenntnis zum Medienstandort Bad Hersfeld. Das bekräftigten Markus Pfromm und all die vielen Hersfederinnen und Hersfelder mit einer kräftigen Attacke. Eine solche hatten zuvor bereits zwei gestandene Herren geschmettert, der alte und der neue Feuermeister, nachdem Udo Roßbach Fackel und Ornat an seinen Nachfolger Klaus Otto übergeben hatte. Der Vorabend des Lullusfestes hatte traditionell mit dem Gottesdienst im Autoscooter und dem Fackel- und Lampionzug begonnen.

Fackelzug und Feierstunde

Festrede von HZ-Geschäftsführer Markus Pfromm

Liebe Herschfellerinnen und Herschfeller, liebe Hergeloffne,

das Lullusfest zu feiern, das ist unsere liebste Tradition und uns allen eine Herzensangelegenheit. Und es geht Hand in Hand mit dem wunderbaren Begriff der Freiheit. Im Ursprung handelte es sich in den Tagen des Lullusfestes um die Befreiung von Abgaben und Steuern, damit aus dem kirchlichen Anlass auch eine wirtschaftliche Kraft für Handel und Wandel erwächst. Das war klug. Heute ist die Lollsfreiheit ja eher zu verstehen als ein freizügiges, festliches Gefühl jenseits der Alltagssorgen. In Maßen genossen ist diese Lollsfreiheit Ausdruck unserer Lebensart und einfach nur schön.

Stadtluft macht frei. Dieser hochmittelalterliche Ausspruch beschreibt die Attraktivität von Städten wie Hersfeld. Häufig eben, wie auch hier bei uns, waren Klöster Keimzellen, um die herum sich ein selbstbewusstes Stadtbürgertum entwickelte. Unsere Vorfahren konnten sich so mitunter auch aus der Leibeigenschaft befreien.

Diese bürgerliche Gemeinschaft bildet heute noch den Kitt, der unsere Heimat zusammenhält. Bürgerliches Selbstbewusstsein, ein freier Handel und Wandel machen auch unsere Stadt attraktiv. Stadtluft macht frei. Anders zwar als im Mittelalter gelten diese Worte eben auch noch heute.

Freiheit, das ist natürlich auch die Freiheit des Wortes. Freiheit, das ist auch die Pressefreiheit. Es ehrt uns Zeitungsmacherinnen und Zeitungsmacher von der Hersfelder Zeitung sehr, dass mir die Festrede am Vorabend unseres Lullusfestes angetragen wurde. Es ist seitens des Bürgermeisters und des Magistrats eine Referenz an 250 Jahre häufig kritischer Begleitung der Geschicke der Stadt.

Beileibe; nicht immer war die Presse in unserem Land so frei wie heute. Jedenfalls aber haben Zeitungen wie unsere Hersfelder Zeitung über die Jahrhunderte einen entscheidenden Anteil an der demokratischen Entwicklung unseres Landes. Dass dies in diesem Jahr auch Bundespräsident Joachim Gauck in Dresden bei der Jahrestagung der deutschen Zeitungsverleger beispielhaft an unserem besonderen HZ-Jubiläum festmachte, das freut uns natürlich besonders. Gerne verspreche ich nicht allein deshalb im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass wir uns weiter unserer Aufgabe für eine gute Entwicklung der Stadt und der Landgemeinden um Bad Hersfeld stellen – in Verantwortung. Freiheit in Verantwortung, hier ist es wieder unser Bundespräsident mit seinem Lebensmotto, den ich anführen möchte. Freiheit ist ohne Eigenverantwortung nicht denkbar. Und so geht es doch auch darum, für unsere Stadt Verantwortung zu übernehmen. Jeder da, wo er steht. Jeder so, wie er kann. Wir alle sind Bad Hersfeld – und dabei eben bitte nicht nur Konsumenten oder Zuschauer. Die Stadt ist kein Feld, das wir alle paar Jahre allein den dann zu wählenden Kommunalpolitikern überlassen sollten nach dem Motto: lasst die mal machen. Viel von der thematisierten Freiheit beruht auch darauf, dass in dieser Stadt ein starkes Fundament aus Ehrenamt und bürgerlichem Engagement vorhanden ist. Dies ist keine Selbstverständlichkeit und bedarf stetiger Erneuerung. Und hier sehe ich ein Problem, wenn ich an die Überalterung mancher Strukturen – eben auch in der Kommunalpolitik – denke. Insofern wende ich mich an die Jüngeren, den Staffelstab zu fordern und zu übernehmen.

In Fragen der freien und verantwortlichen Bürgergesellschaft in unserer schönen Stadt finde ich manche Felder bemerkenswert:

Da ist die heftige Debatte um unsere Festspiele. Ja, sie muss geführt werden. Es muss freie Rede herrschen, gerade auch in der Stadtverordntenversammlung. Wichtig erscheint mir, dass alle Beteiligten verantwortlich im Blick behalten, dass dabei nicht der Ruf als Festspielstadt im gesamten deutschsprachigen Raum aufs Spiel gesetzt wird. Denn die Festspiele sind das Einzige, was Bad Hersfeld von Städten vergleichbarer Größe und Funktion deutlich abhebt. Das ist auch von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Allerdings: schwer nachvollziehbare Debatten wie zuletzt am Donnerstag im Stadtparlament verkürzen sich etwa in den Hauptnachrichten der hessischen Sender und deutschlandweit über die Presseagenturen darauf, dass die Festspiele in Not sind und in der eigenen Stadt umstritten. Was in Darmstadt, Gießen, Kassel oder Offenbach und selbst in München, Hamburg oder Berlin ausgelöst wird ist die Frage: wie lang wird es die Festspiele noch geben? Ja, so verkürzt kommt das an in unserer modernen Mediengesellschaft. Wo sich die HZ noch seitenweise um Vermittlung bemühen kann, werden andernorts kurze Meldungen zu Hiobsbotschaften. Viele besorgte Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die wie ich ihre Festspiele lieben, sind besorgt über den Verlauf der Auseinandersetzungen. Ich fordere alle Beteiligten auf zu erkennen, dass sich die Diskussion um die Festspiele nicht nur rund um den Kirchturm führen lässt. Offenkundig will niemand den Festspielen und damit der Stadt schaden - doch manche scheinen die Dimension zu verkennen und bemerken gar nicht, dass sie Hand anlegen an das kulturelle Erbe von Jahrzehnten. Nehmen wir als anderes Beispiel die heftig geführte Diskussion um den Windpark am Wehneberg. Egal, welche Haltung man selbst einnimmt. Es spricht für unsere freie Bürgergesellschaft, dass hier Menschen selbstbewusst Position beziehen und sich einmischen. Kann der weitere Prozess ohne Verletzungen Einzelner und tolerant verlaufen? Hoffen wir auf eine verantwortliche Streitkultur.

Und da ist die jüngste Diskussion um die geplante Umbenennung des Schilde-Parks. Es ist eben kein Gesichtsverlust, sondern ein Zeichen von Stärke, dass der Magistrat auf die freien und engagierten Meinungsäußerungen aus der Bürgerschaft reagiert hat und es nun doch bei der Namensnennung Schilde-Park belässt. Der Magistrat ist seiner Verantwortung gerecht geworden. Den verstorbenen Altbürgermeister Boehmer angemessen zu würdigen, wird ihm auch gelingen.

Was ich mir wünsche für unsere Stadt, das ist eine stärkere Wahrnehmung von Herschfellerinnen und Herschfellern, die sich längst auch als solche fühlen, deren Wurzeln aber im Ausland liegen. In den Mauern dieser Stadt leben Menschen, die eine Vielfalt unterschiedlicher Nationalitäten repräsentieren. Natürlich laufen viele von ihnen beim Lampion- und Fackelzug heute Abend mit, natürlich feiern viele von ihnen Lolls als ihr Heimatfest, natürlich gehören alle diese Mitbürgerinnen und Mitbürger zu uns. Lassen wir insbesondere die Kinder und Jugendlichen aus diesen Familien nicht zurück. Wir brauchen sie um ihrer selbst willen und mit ihren Talenten. Und wir brauchen sie auch als berufliche Nachwuchskräfte, die in Freiheit und eigenverantwortlich gleichberechtigte Bürger unserer Stadt und unserer Gemeinden sein sollen. So grüße ich hier und heute besonders die unter uns, die zwar nicht in jedem Fall einen deutschen Pass, aber jedenfalls ein Herz haben, das für Bad Hersfeld und für Lolls schlägt. Unsere Aufgabe als Hersfelder Zeitung ist es, fair und unvoreingenommen eine Plattform für die unterschiedlichsten Menschen, Gruppen und Positionen zu bieten. Wir stellen uns täglich dieser Herausforderung. Und so möchten wir unseren Platz in der Mitte der Bürgerschaft verstanden wissen. Deshalb zieht es uns auch geradezu körperlich zurück in die Mitte der Stadt. Im neuen Jahr werden wir im neuen Medienhaus am Benno-Schilde-Platz für Sie da sein. Barrierefrei, versteht sich, wie es ein Leitgedanke für unsere Stadt ist. Sie sind dort alle jederzeit herzlich willkommen. Liebe Herschfellerinnen und Herschfeller, liebe Gäste der Stadt: wir geben ein klares Bekenntnis zum Medienstandort Bad Hersfeld ab. Ihre Heimat ist auch die Heimat der Hersfelder Zeitung. Bauen wir gemeinsam auf eine Zukunft in Freiheit und Verantwortung.

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