Bad Hersfelder Festspiele: Heute Uraufführung der „Wanderhure“ mit Andrea Cleven

Und ewig lockt das Weib

Verführerisch: Als Wanderhure setzt die zu Unrecht entehrte Marie Schärer – gespielt von Andrea Cleven – gezielt ihre Reize ein, um Rache zu nehmen und rehabilitiert zu werden. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Ein deftiges Sittengemälde aus der von Glaubensstreit geprägten Zeit zwischen Mittelalter und Renaissance erwartet die Zuschauer bei der heutigen Uraufführung der „Wanderhure“ in der Regie von Janusz Kica. Andrea Cleven spielt die Titelrolle der in die Prostitution getriebenen Marie Schärer.

Eigentlich ist die bildhübsche Marie ein braves Mädchen. So brav, dass sie ihrem Vater zuliebe bereit ist, Ruppertus Splendidus (Julian Weigend) zu heiraten. Er ist der uneheliche Sohn des Reichsgrafen Heinrich von Keilburg, und Maries Vater verspricht sich von dieser Verbindung gräflichen Schutz und wirtschaftliche Vorteile für seinen florierenden Tuchhandel.

Doch Ruppertus Splendidus entpuppt sich als wahrer Bastard: Er hat es nicht auf das Herz der keuschen Marie abgesehen, sondern nur auf das Geld ihres Vaters. Kurz vor der Trauung lässt er mehrere gedungene Zeugen aussagen, dass Marie ihnen gegen Geld und Geschenke zu Willen war.

Marie wird der Hurerei angeklagt und eingekerkert. Im Gefängnis wird sie brutal vergewaltigt. Nun ist sie tatsächlich keine Jungfrau mehr. Marie wird daher vorgeworfen, den Ehevertrag gebrochen zu haben. Das Vermögen des Vaters fällt an Ruppertus Splendidus. Marie aber wird ausgepeitscht und aus ihrer Heimatstadt Konstanz verbannt. In ihrer Not verdingt sie sich nun tatsächlich als Hure und sinnt gleichzeitig auf Rache.

Eingebettet ist die Handlung in das Konzil von Konstanz, bei dem zwischen 1414 und 1418 um die Einheit der zu dieser Zeit von drei Päpsten gespaltenen Kirche gerungen wurde. Kaiser, Papst und Kirchenfürsten mit ihrem jeweiligen Gefolge strömten damals in die Stadt. Insgesamt wurden bis zu 70 000 Besucher gezählt, was Konstanz zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhalf.

Und auch das horizontale Gewerbe florierte. Historiker berichten, dass bis zu 700 „Hübschlerinnen“ die fleischlichen Gelüste der religiösen Denker und Lenker befriedigten. Weil sich angeblich sogar brave Bürgerfrauen für Geld hingaben, kam es zum historisch verbürgten Hurenaufstand, an den heute noch die Skulptur der Imperia, einer üppigen Kurtisane, am Hafen von Konstanz erinnert.

Während die Romanvorlage des Autorenduos Iny Lorentz vor allem ein mit Sex garnierter Historienkrimi ist, will Gerold Theobald, der Autor der Bühnenfassung, das Werk in größerem Kontext verstanden wissen.

Politisch weiter aktuell

Er spricht von „politischen Aktualitätsmomenten“, die in dem Stück aufgearbeitet werden sollen: Religöser Fanatismus, Rechtlosigkeit, Migration und (Sex-)Sklaverei – alles Probleme, die auch heute noch existieren. Die Autoren der Romanvorlage, Iny Klocke und Elmar Wohlrath, sollen von der Bühnenbearbeitung, die in Bad Hersfeld Weltpremiere hat, begeistert sein.

Kein Wunder, denn auch das Skript der Bühnenfassung verspricht eine saftige Sprache und viel pralle Körperlichkeit, deren schauspielerische Umsetzung zu einer Gratwanderung werden dürfte. Fest steht wohl schon vor der Premiere: Die Wanderhure muss auch in der Stiftsruine hart für ihr Geld arbeiten.

Von Kai A. Struthoff

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