Montagsinterview mit Martina Werner: SPD-Kandidatin für das EU-Parlament will sich für den Erhalt der Kali-Arbeitsplätze einsetzen

„Europa ist mehr als ein Bürokratie-Monster“

Martina Werner, SPD-Kandidatin für das Europa-Parlament vor dem wortreich in Bad Hersfeld, das mit EFRE-Mitteln der EU gefördert wurde.

Hersfeld-Rotenburg. Am 25. Mai tritt Martina Werner (51) aus Niestetal als nordhessische SPD-Kandidatin zur Europa-Wahl an. Sie will Nachfolgerin von Barbara Weiler aus Fulda werden, die nach über 20 Jahren aus Altersgründen nicht mehr für das Europa-Parlament kandidiert. Kai A. Struthoff sprach mit Martina Werner.

Frau Werner, welche persönlichen Erinnerungen und Eindrücke verbinden Sie mit Europa?

Martina Werner: Vor allem die Euro-Einführung und das Schengen-Abkommen. Plötzlich wurde man nicht mehr kontrolliert, wenn man in den Urlaub fahren wollte und konnte mit einer Währung bezahlen. Aber ich erinnere mich auch gut an meine allererste große Europa-Reise mit Interrail und an einen AWO-Schüleraustausch mit Frankreich. Das war klasse!

Die meisten Menschen haben vermutlich ähnlich positive Europa-Erinnerungen. Woher kommt es dann, dass die EU eher unbeliebt ist?

Werner: Viele nehmen Europa als Bürokratie-Monster wahr. Wenn es in Brüssel um den Krümmungsgrad der Gurken geht, dann verstehen das die Bürger nicht als Politik. Die Vorteile und den Einfluss von Europa aber nehmen viele nicht wahr, weil sie auch nicht so präsent sind.

Dann helfen Sie uns: Welche Vorteile haben wir hier in unserem Kreis von Europa?

Werner: Mir gibt Europa ein Gefühl der Sicherheit. Wir leben hier auf einem sehr hohen Niveau und der gemeinsame Binnenmarkt mit 500 Millionen Menschen trägt dazu bei, dass wir diesen hohen Standard auch halten können. Außerdem ist natürlich auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit – gerade für junge Leute – ein sehr hohes Gut. Sie können in Europa arbeiten, wo sie wollen.

Trotzdem sehen viele Bürger nur das Bürokratiemonster?

Werner: Ja, und deshalb muss sich Europa, um mehr Akzeptanz zu finden, auf die Dinge konzentrieren, die wir nur zusammen lösen können. Brüssel braucht sich nicht in unsere gut funktionierende kommunale Selbstverwaltung einzumischen. Alles, was vor Ort gelöst werden kann, soll auch dort gelöst werden. Aber natürlich ist eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik für Europa sinnvoll – das sieht man ja gerade in der Krim-Krise.

Ihr Wahlkampf-Slogan lautet: Europa neu denken. Was meinen Sie damit?

Werner: Neben der Konzentration auf die gemeinsamen Probleme muss Europa deutlich sozialer werden. Auf dem großen gemeinsamen Binnenmarkt kommt die Idee der sozialen Marktwirtschaft zu kurz.

Sollen wir weiter „Drückeberger“ alimentieren, die in Südeuropa in der Sonne sitzen, während wir arbeiten, um mal ein gängiges Vorurteil zu zitieren?

Werner: Um solche Vorurteile abzubauen, brauchen wir mehr Austauschprogramme – nicht nur für Jugendliche. Überhaupt sollten wir mal überprüfen, ob Deutschland wirklich überall so vorbildlich ist, wie wir das glauben. Derartige Vorurteile machen uns jedenfalls nicht beliebter.

Ist Angela Merkel zu streng mit unseren Nachbarn?

Werner: Der Kurs der Haushaltssanierung ist sicher richtig. Aber eine einseitige Politik des Sparens hilft der Wirtschaft auch nicht wieder auf die Füße. Im Übrigen liegt in unserem eigenen Interesse, dass es unseren Nachbarn gut geht – schließlich gehen 60 Prozent unserer Exportgüter nach Europa.

Bislang waren Sie vor allem kommunalpolitisch tätig. Was qualifiziert Sie für die komplexe Arbeit in Brüssel?

Werner: Ich bin schon sehr lange Kommunalpolitikerin und weiß, was die Menschen bewegt und bedrückt. Gerade diese Erfahrungen sind wichtig für die Arbeit in Europa, weil sonst die Gefahr besteht, abzuheben und den Kontakt zu den Bürgern zu verlieren. Das allein schon qualifiziert mich.

Sie wollen als Anwältin der Region in Brüssel tätig sein. Was wollen Sie für die Firmen hier tun, etwa für K+S, die unter den strengen EU-Gewässerschutzauflagen leiden?

Werner: Ich will mit allen Firmen engen Kontakt halten und ihre Interessen in Brüssel vertreten. Dabei geht es auch um Fördermittel, die uns weiter voran bringen und Arbeitsplätze vor Ort sichern. Auch zur IGBCE habe ich gute Kontakte und kenne daher die Probleme bei K+S. Mir ist daran gelegen, die Arbeitsplätze der Kali-Kumpel zu sichern. Ich finde aber auch, dass die EU den Ländern mehr Zeit für die Umsetzung der EU-Auflagen geben muss.

Vieles spricht für Europa, dennoch werden vermutlich viele nicht wählen gehen. Warum?

Werner: Die Europawahl ist keine Direktwahl, man kann sich nur für Parteilisten entscheiden. Politisch interessanter wäre es, wenn die Kandidaten direkt bestimmt würden. Anders als der Europa-Rat und die EU-Kommission wird immerhin das Parlament vom Volk direkt gewählt. Darauf kann man also Einfluss nehmen. Das ist ein gutes Argument, zur Wahl zu gehen.

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