Montagsinterview mit Prof. Otmar Issing, dem Architekten der EU-Währungsunion

Europa geht nicht unter

Wie wackelig sind die Säulen, auf denen Europa ruht? Der „Vater des Euro, der frühere EZB-Chefvolkswirt Prof. Dr. Otmar Issing, bei der Abiturfeier der Modellschule Obersberg, wo er die Festrede gehalten hat. Foto: Friedhelm Eyert

Bad Hersfeld. Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und „Vater des Euro“, Prof. Dr. Otmar Issing, hat bei der Abiturfeier der Modellschule Obersberg die Festrede gehalten. Kai A. Struthoff hatte die Gelegenheit, mit dem hoch angesehenen und sehr gefragten Wirtschafts- und Finanzexperten zu reden.

Herr Professor Issing, für die Abiturienten beginnt jetzt der „Ernst des Lebens“. Wie ernst wird es angesichts der vielen Krisen in Europa?

Prof. Dr. Otmar Issing: Nun wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen. Die Europäische Währungsunion ist in der Krise. Aber für die jungen Leute gibt es keinen Grund zur Sorge. Natürlich ist es ein großer Schritt für sie, aber Europa, die ganze Welt steht jungen Leuten offen und ist voller Chancen. Und nirgendwo sind die Chancen besser als in Deutschland – die sollten sie nutzen. Dafür muss man sich aber auch anstrengen.

Viele junge Menschen in Spanien oder Griechenland sehen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr. Geht das Projekt Europa jetzt den Bach runter?

Issing: Die Währungsunion ist in einer großen Krise. Aber der Euro wird mich noch lange überleben. Und auch Europa geht nicht den Bach runter.

Trotzdem vermissen viele Menschen jetzt wieder mehr denn je die gute alte D-Mark.

Issing: Im Nachkriegsdeutschland war die D-Mark das Symbol für Stabilität und Wohlstand. Jacques Delors hat einmal ironisch über diese fast schon pathologische Einstellung gesagt: „Nicht alle Deutschen glauben an den lieben Gott, aber alle Deutschen glauben an die Bundesbank.“ Die Mark hatte daher immer eine besondere Bedeutung, aber trotzdem hat Deutschland ein großes Interesse an einer starken Eurozone. Immerhin gehen 40 Prozent unseres Exports in diese Region.

Also war die Euro-Einführung kein Fehler?

Issing: Schwierige Frage. Jetzt erinnern sich viele daran, dass es damals viele Warnungen vor dem Euro gab. Auch von mir. Helmut Kohl hat damals gesagt, zur Währungsunion gehört auch die politische Union. Das stimmt. Außerdem waren die ersten elf Euro-Staaten sehr unterschiedlich, sodass man mit Schwierigkeiten rechnen musste. Das heißt aber nicht, dass die Krise von Anfang an programmiert war. Aber man hätte sofort an den Schwächen arbeiten müssen, anstatt mehr als zehn Jahre ohne Reformen zu vergeuden.

An der Finanzkrise tragen ja auch ihre früheren Berufskollegen, die Banker, Verantwortung. Schmerzt es Sie, wie dieser einst angesehene Berufsstand in Misskredit gerät?

Issing: Ich habe mich nie als Banker verstanden. Ich bin Notenbanker – das ist eine andere Welt, die nicht auf Profit ausgerichtet ist. Aber die Krise des Währungsraums hat mit der Finanzmarktkrise wenig zu tun. Sie wäre auch so gekommen, weil die Wettbewerbsbedingungen auseinander und die öffentlichen Finanzen aus dem Ruder gelaufen sind. Griechenland etwa hat jahrelang nicht die Konvergenzkriterien eingehalten. Die Finanzmarktkrise aber hat dann das ganze Umfeld noch zusätzlich belastet.

Viele fordern jetzt eine stärkere Kontrolle und Regulierung der Finanzmärkte. Sie indes sind ja immer für ein freies Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte eingetreten ...

Issing: Dazu stehe ich auch. Aber das muss im Rahmen von strikten Regeln geschehen. Beim Fußball darf ja auch nicht jeder einfach foulen, sondern bekommt dafür eine Gelbe oder Rote Karte. Regeln gehören zur freien Marktwirtschaft, denn das ist nicht der Dschungel, sondern Wettbewerb im Interesse aller. Wer Gewinne macht, darf sie – nach Steuern natürlich – behalten. Aber wer Verluste macht, muss auch dafür haften, bis hin zum Bankrott. Diese einfachen Spielregeln haben aber im Finanzsektor nicht gegolten. Für strikte Regeln plädiere ich schon lange.

Spielregeln sollten auch für Staaten gelten. Wie lange kann das gut gehen, Geld in marode Volkswirtschaften zu pumpen?

Issing: Es kann funktionieren, wenn das Geld Hilfe zur Selbsthilfe – eine Art Brücke – ist. Aber die kann nicht ins Nichts hineingebaut werden. Es muss schon ein Ufer da sein. Das sehe ich nicht im Falle Griechenlands. Es ist ungeheuerlich, wenn ein Parteiführer dort sagt, wir zahlen Kredite nicht zurück, aber wir brauchen neue.

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