HZ-Wochenendportrait: Der jüdische Autor Herman-Friede ist Zeuge des Nazis-Regimes

Als Eugen abtauchte

Der Autor am seinem Arbeitsplatz: Eugen Herman-Friede mit seinem Buch „Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand“ (Gerstenberg-Verlag, Hildesheim) in seiner Schreib-Ecke unter dem Dach seines gemütlichen, kleinen Fachwerkhauses in Kronberg. Foto: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld/Kronberg. Als der kleine Eugen neun Jahre alt ist, feiert er das erste Mal den Sabbat. Im Kerzenschein, mit einer Kippa auf dem Kopf, lauscht er dem fremden Hebräisch der Gebete und isst im Hause eines jüdischen Schulfreundes erstmals „Gefillte Fisch“. „Bei uns werden nur zu Weihnachten Kerzen angesteckt – oder wenn die Sicherung durchgeknallt ist“, erklärt er den Gastgebern, als die sich über seine Unkenntnis wundern. „Du bis ja ein schöner Jude, kennst nicht mal den Sabbat“, necken sie ihn.

Religion: Nicht arisch

Es ist das Jahr 1935 in Berlin-Kreuzberg. In Eugens Zeugnis steht neben der Zwei in Deutsch und der Vier in Musik unter Religion: Nicht arisch. „Ich hatte vom Judentum gar keine Ahnung“, sagt Eugen Herman-Friede rückblickend. Der heute 84-Jährige sitzt in seinem behaglichen Wohnzimmer in einem verwinkelten Fachwerkhaus in Kronberg. Aus dem Fenster geht der Blick weit bis nach Frankfurt am Main. „Ich bin bis heute gar nicht gläubig.“

Und doch ist es die Religion und der mörderische Fanatismus der Nationalsozialisten, die sein Leben für immer prägen. Eugen ist Jude, seine Eltern stammen aus Russland, den leiblichen Vater lernt er nie kennen. „Aber ich hatte zum Glück einen nicht-jüdischen Stiefvater“. Ihn nennt er „Papa“, doch auch er kann den blinden Rassenhass der Nazis nicht aufhalten. „Der unangenehmste Tag war, als wir den Gelben Stern bekamen“, erzählt Eugen Herman-Friede.

In der Schule wird er als „Itzig“ oder „dreckiger Jude“ beschimpft. Doch immer wieder macht er auch die Erfahrung, dass ihm wildfremde Menschen helfen. „Manchmal bekam ich in der U-Bahn heimlich Zigaretten oder ein Stullenpaket zugesteckt“, erzählt er und verfällt dabei unwillkürlich in den Dialekt seiner Berliner Heimat.

Ende Januar 1943 reißt ihm ein Gestapo-Beamter auf der Straße den Stern herunter. Eine gezielte Provokation. Und der Beginn der Illegalität. Eugen taucht unter, findet Zuflucht bei Hans und Frieda Winkler und ihren zwei Kindern in einer winzigen Wohnung im brandenburgischen Luckenwalde. Neun Monate verbringt Eugen in der winzigen Wohnung, nur ganz selten traut er sich im Schutz der Dunkelheit und in der Hitler-Jugend-Uniform (siehe Foto) seines Gast-Bruders auf die Straße.

In Luckenwalde trifft er auf Werner Scharff und dessen Freundin Fancia Grün. Dem jüdischen Pärchen war die Flucht aus dem KZ-Theresienstadt gelungen. Gemeinsam mit 15 anderen Menschen, Juden und Nichtjuden, einfachen Bürgern, gründen sie die Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“. Sie verschicken illegal Kettenbriefe, versuchen über das Schicksal der verschleppten Juden und die nationalsozialistische Hetze aufzuklären. Ein lebensgefährliches Unterfangen.

Bis Ende 1944 werden alle Mitglieder der Gruppe verhaftet. Eugens Stiefvater nimmt sich das Leben, seine Mutter überlebt die Deportation nach Theresienstadt und wird von den Russen befreit. Eugen selbst sitzt im Gefängnis, ihm droht die Todesstrafe. Nur das Chaos der letzten Kriegstage in Berlin rettet ihn vor dem sicheren Tod.

Das Leben führt Eugen Herman-Friede auch weiter über verschlungene Wege. Nach dem Krieg wird er glühender Kommunist, studiert an der Parteihochschule, arbeitet für eine Potsdamer Zeitung. Nur vier Jahre später wird er in der Ostzone erneut verhaftet wegen angeblicher Spionage und Wirtschaftsverbrechen. Er landet im selben Gefängnis, dem er unter den Nazis entronnen ist. Herman-Friede geht nach West-Berlin, dann nach Kanada, eröffnet dort ein Restaurant, verkauft es wieder, kehrt Heim nach Deutschland, wird Manager in der Textil-Industrie – und fängt erst spät an, seine Erinnerungen aufzuschreiben.

Menschen wie Eugen Herman-Friede nennt man heute gemeinhin Helden. Nachdenklich schüttelt der alte Mann den Kopf und blickt hinaus auf die ferne Großstadt. „Wir fühlten uns nicht als Helden“, sagt er leise, obwohl seine mutigen Versteckgeber, Hans und Frieda Winkler, sicher als Helden zu bezeichnen wären. Eugen Herman-Friede schmunzelt: „Aber wenn Frieda das hörte, würde sie mich dafür ohrfeigen.“

Von Kai A. Struthoff

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