Montagsinterview mit Pröpstin Sabine Kropf-Brandau über die Fastenaktion der Kirche

Etwas Risiko gehört dazu

Pröpstin Sabine Kropf-Brandau mit dem Aufruf zur Fastenaktion der evangelischen Kirche, die in diesem Jahr unter dem Motto: „Riskier was, Mensch!“ steht. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann beginnt die Fastenzeit, die die evangelische Kirche in diesem Jahr unter das Motto stellt: „Riskier was, Mensch! Sieben Woche ohne Vorsicht“. Darüber sprach Kai A. Struthoff mit Pröpstin Sabine Kropf-Brandau.

Gilt das Motto „Sieben Wochen ohne Vorsicht“ eigentlich schon heute, am Rosenmontag? Dürfen wir es also mit Segen von ganz oben heute richtig krachen lassen?

Pröpstin Sabine Kropf-Brandau: (lacht) Rosenmontag hat für die meisten Protestanten ja keine so große Bedeutung und darum gilt heute, was immer gilt. Das Leben muss immer in einem guten Verhältnis zwischen Vorsicht und Wagemut stehen.

Was verbirgt sich aber nun hinter dem zunächst etwas seltsamen Motto der Fastenaktion?

Kropf-Brandau: Diese Aktion will Mut machen, ein bisschen über den Tellerrand hinaus zu schauen, aus dem eigenen Wohlfühlklima hinaus zu gehen und sich bewusst – und mit dem nötigen Gottvertrauen – schwierigen Situationen zu stellen. Aber natürlich sollen die Menschen jetzt nicht alle Vernunft über Bord werfen.

Die Kirche beruft sich auf Martin Luther, der mal gesagt hat: ‘Lasset die Geister aufeinanderprallen’. Soll man in dieser Zeit also mal richtig Tacheles reden?

Kropf-Brandau: Deutliche Worte sind gefragt! Und dazu gehört Mut. Auch in der Bibel sind viele wagemutige Menschen unterwegs, wie Jesus, der mit seinen Worten und Taten Menschen viel zumutet, oder Petrus, der übers Wasser läuft, oder Maria, die schwanger auf Reisen geht. Ein gewisses Risiko und Wagemut gehört zur Bibel dazu. Davon können wir lernen für unseren Alltag in Beruf, Familie und Freundeskreis.

Die biblischen Charaktere zahlen für ihren Wagemut aber auch oft einen hohen Preis ...

Kropf-Brandau: Ja, das stimmt und die Menschen in der Bibel sind keine Helden, sondern oft gebrochene Gestalten, Menschen wie du und ich, mit denen Gott seine Geschichte schreibt und denen er immer wieder Mut gibt. Das Leben besteht aus hellen und dunklen Tagen – aber immer steht Gott an unserer Seite.

Häufig bemänteln Vernunft und Vorsicht auch nur Feigheit und mangelnde Zivilcourage. Dennoch ist es wahrscheinlich nicht sehr vernünftig, sich einer Horde Skinheads in den Weg zu stellen....

Kropf-Brandau: Der christliche Glaube ist nicht nur eine Wohlfühloase, sondern er stellt uns auch vor Herausforderungen – das macht uns Jesus sehr deutlich. Das ist manchmal richtig schwer. Ob ich mich einer Horde Skinheads entgegenstellen würde, weiß ich auch nicht. Aber es fängt oft schon bei kleinen Dingen an. Zum Beispiel am Stammtisch, wo einer dumme Sprüche über Ausländer und Juden macht. Das nicht zuzulassen, erfordert richtig Mut.

Woher kommt der Fastenbrauch eigentlich?

Kropf-Brandau: Als Fastenzeit oder als Passionszeit wird im Christentum der Zeitraum von Aschermittwoch bis Ostern bezeichnet. Sie erinnert an das 40-tägige Fasten Jesu vor seinem öffentlichen Wirken. Fastenzeit ist eine Zeit der Buße und der Umkehr. Luther, Calvin – unsere Reformatoren hatten aber ein gespaltenes Verhältnis zum Fasten. Luther hat gesagt: Du kannst das ganze Jahr essen, was Du willst, denn Fasten bringt dich Gott nicht näher. Deshalb haben die Protestanten zunächst auch nicht gefastet.

Warum dann jetzt?

Kropf-Brandau: Vor 30 Jahren wurde die Idee „Sieben Wochen ohne“ geboren. Dabei geht es darum, ganz bewusst auf liebgewonnene Dinge oder Gewohnheiten zu verzichten, den Alltag in Frage zu stellen, Lebenseinstellungen zu überprüfen und neue Sichtweisen zu probieren. Letztlich versucht man in diesen Wochen etwas zu leben, wozu uns unser Glaube das ganze Leben auffordert.

Offenbar wird das Fasten immer populärer. Woran liegt das?

Kropf-Brandau: Es gibt eine Sehnsucht in den Menschen. Trotz Wohlstand und Leistungsdenken merken sie, dass das allein nicht trägt. Deshalb suchen die Menschen Antworten in so alten und spirituellen Dingen wie Fasten oder auch Pilgern. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen die Antworten auch wieder verstärkt in den Gottesdiensten suchen würden.

Worauf verzichten Sie in der Fastenzeit?

Kropf-Brandau: Unsere Familie verzichtet schon lange in dieser Zeit auf Süßigkeiten. Ich werde in diesem Jahr außerdem auf Alkohol verzichten. Ab und zu ein Glas Wein finde ich nämlich schön – aber darauf verzichte ich nun ganz bewusst. Man kann aber auch auf Fernsehen, PC oder Handy verzichten. Es geht darum, den Gewohnheitstrott zu durchbrechen. Dadurch bekommt man einen anderen Blick. Und man gewinnt Zeit zum Nachdenken. Am Mittwoch beginnt die Passionszeit, die Leidenszeit Jesu. Er hat viel riskiert für uns, und wir haben dadurch viel gewonnen. Das gilt es in den nächsten Wochen in den Blick zu nehmen.

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