Montagsinterview mit Volker Lechtenbrink über die Festspiele und Die Drei Musketiere

Wir erzählen ein Märchen

Volker Lechtenbrink und sein zweites Wohnzimmer: In der Stiftsruine fühlt sich der Schauspieler wie Zuhause. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Volker Lechtenbrink ist der Liebling des Festspiel-Publikums. In diesem Jahr inszeniert er „Die Drei Musketiere“. Über das Stück und die Stimmung vor dem Festspielstart sprach mit ihm Kai A. Struthoff.

Herr Lechtenbrink, am kommenden Samstag beginnen die Festspiele. Wie ist die Stimmung im Ensemble?

Volker Lechtenbrink: Eine gewisse Anspannung ist immer da, vor allem, weil ja gleich vier Stücke inszeniert werden. Aber es ist eine freudige Spannung. Die Drei Musketiere sind zudem die letzte Premiere am 27. Juni. Wir haben also noch ein bisschen Zeit. Trotzdem arbeiten wir Tag und Nacht, denn wir haben 62 Szenen, 150 Toneinsätze und ganz viele Lichtstimmungen. Immerhin sitzen die Fechtszenen schon sehr gut, dank des fantastischen Fechtmeisters Klaus Figge.

Gefochten wurde schon vor dem Festspielstart – und zwar von Intendant und Bürgermeister. Wie belastend ist der Streit um Geld, Auslastung und Spielplan für Sie als Regisseur. Haben Sie immer den Rotstift im Kopf?

Lechtenbrink: Als Regisseur darf einen das nicht kratzen. Mich persönlich als ehemaligen Intendanten interessiert das natürlich schon, aber es darf die Arbeit nicht beeinflussen. Trotzdem haben wir einige Szenenbilder weggelassen. Man denkt also schon ans Geld. Aber ich finde diesen Streit zwischen Stadt und Intendanz unsäglich. Die müssen zur Ruhe kommen. Probleme müssen intern gelöst werden. Das Publikum darf davon nichts spüren, sondern es soll sich nur auf die Vorstellung freuen.

Viele freuen sich auf die Drei Musketiere, obwohl das ein Stück ist, was jeder kennt und irgendwo schon mal gesehen hat. Wo liegt Ihr neuer Ansatz?

Lechtenbrink: Das Stück gibt es gar nicht, es gibt nur die dicken Romane von Alexandre Dumas. Daraus zieht sich jeder seine Essenz – die Geschichte, die man erzählen will. Ich habe das Stück mit meiner Tochter Saskia Ehlers geschrieben. Es spielt zwar in der Vergangenheit, aber die ist nicht zeitlich so festgelegt. Schon unser Eröffnungslied, auf das ich mich sehr freue, wird von heutigen Popsängern gesungen. Wir erzählen ein Märchen, bei dem D’Artagnan im Mittelpunkt steht.

Sie haben auch einen Engel eingebaut, Centime, den Ihre jüngste Tochter spielt. Warum?

Lechtenbrink: Diese Figur soll das Stück schneller machen. Wie eine Art Erzähler aus dem Himmel kann Centime Dinge voraussehen und so die Handlung vorantreiben.

Gemessen an Shakespeare, Schiller oder Goethe ist dieses Mantel- und Degenstück aber doch eher trivial, oder?

Lechtenbrink: Das ist Ansichtssache. Ist es trivial, wenn man in einer solchen Kulisse wie der Ruine ein Stück voller Lebensfreude entwickelt? Es geht um Spaß am Theater. Wo liegen Liebe und Tod so dicht nebeneinander. Was ist schon trivial? Wenn überhaupt, dann höchstens die Machart.

Sie scheinen da ohnehin keine Berührungsängste zu haben. Neulich sah man Sie in einer Inga Lindström TV-Verfilmung.

Lechtenbrink: Das ist doch gerade das interessante und erquickende am Beruf. Man muss nicht immer das große Evangelium verkünden. Es ist auch schön, mit wunderbaren Kollegen in einer tollen Landschaft ein Ausruhstück zu machen. Und hinterher hört man von den Zuschauern: Ach, war das schön...

Sie arbeiten bei den Drei Musketieren mit Ihren drei Töchtern zusammen. Bei uns daheim ist es schon schwierig, wenn ich mit meinen drei Söhnen die Geschirrspülmaschine einräumen soll. Wie klappt das bei Ihnen?

Lechtenbrink: Geschirrspüler einräumen wäre auch bei uns schwierig, aber auf der Bühne klappt es sehr gut. Vor allem meine Tochter Saskia hat mir viel Arbeit abgenommen. Ich lasse jedem sein Arbeitsfeld und bin kein autoritärer Regisseur. Mit ein paar Anregungen kommen die Schauspieler meist selbst darauf, was sie spielen sollen. Man muss seinen Mitarbeitern auch etwas zutrauen. Wichtig ist vor allem die richtige Besetzung. Dafür ist der Regisseur verantwortlich. Aber dann muss man den Schauspielern oft nur sagen: Du kannst das!

Sie stehen fast Ihr ganzes Leben auf der Bühne. Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen wollen?

Lechtenbrink: Ich hatte in der letzten Zeit das Glück, fast alles spielen zu können, was ich wollte. Er war wie eine zweite Häutung für mich, die vor vier Jahren begann. Wenn ich das nötige Alter noch schaffen sollte, dann spiele ich „Vor Sonnenuntergang“ von Gerhard Hauptmann – das ist noch mal eine Wunschrolle, die werde ich auch spielen.

In Bad Hersfeld könnten Sie auch das Telefonbuch vorlesen und die Bude wäre voll. Nervt es aber nicht auch manchmal, wenn hier alle denken, da ist ja der Volker, unser Kumpel...

Lechtenbrink: Selbst wenn man das Telefonbuch vorliest, muss man die Leute gut unterhalten, sonst kommen sie kein zweites Mal. Außerdem sind die meisten Menschen sehr rücksichtsvoll, höflich und liebevoll. Wenn einen keiner mehr erkennt und anspricht, dann hat man auch etwas falsch gemacht.

Werden wir Sie denn auch im kommenden Jahr wieder in Bad Hersfeld bei den Festspielen sehen?

Lechtenbrink: Ich denke nein. Mein Vorschlag für nächstes Jahr fand kein offenes Ohr.

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