„Lebe endlich wieder“: Samstagsporträt einer Heroinabhängigen, die neuen Mut schöpft

Erwacht aus dem Rausch

„Wer spritzt, verliert“: Alle zwei bis vier Stunden spritzte sich Kim Kutscher Heroin – erst verlor sie ihre Unabhängigkeit, dann die Anstellung und den Führerschein. Foto: dpa

Hersfeld-Rotenburg. Er wollte sie von sich abhängig machen. Doch sie wurde abhängig von der Droge, die er ihr gab: Heroin. An jenem Abend vor 14 Jahren zog sie das Pulver durch ihre Nase. Sie spürte Glück. Geborgenheit. Wie ein Baby im Mutterleib. Sie ging tanzen, sie übergab sich, sie tanzte weiter.

Das Hoch, auf dem Kim Kutscher (Name geändert) aus Hersfeld-Rotenburg an jenem Abend schwebte – es kehrte nie wieder. Das Verlangen nach der Droge aber wich nicht mehr. Heute, mit Mitte dreißig, hat die zierliche Frau den Kampf gewonnen. Nach Therapie, Entgiftung und Substitution lebt sie seit Dezember ohne Betäubungsmittel.

Doch es ist nur ein Punktsieg. „Jeder neue Tag ist ein neuer Kampf“, sagt Kim Kutscher. Ihre Augen glitzern hellblau, doch darunter sind rote Ränder. Kim Kutscher sitzt am Küchentisch, nippt an einer Tasse Kaffee und versucht, verstanden zu werden. Sie beschreibt, wie sich Entzug anfühlt: Wie 41 Grad Fieber. Sie erzählt, dass der Kopf ihr zuflüstert: Komm schon, nur ein Schuss. Sie sucht nach dem Abscheulichen, um klar zu machen, was für sie alltäglich ist.

Und dann lächelt sie. „Ich habe einen Notfallplan“, sagt Kutscher und zieht ein Blatt Papier aus dem Portemonnaie. Darauf hat sie, in säuberlicher Schrift, einen Appell an sich selbst verfasst: „Drogen sind das Letzte, sie heucheln dir was vor. Lebe endlich wieder.“

Rausch der Freiheit

Zehn Jahre lang hat sie nur überlebt. Die Sucht nahm ihr erst den Führerschein, dann die Anstellung und den Rückhalt der Geschwister. Ihr Dasein drehte sich um Heroin, Benzodiazepine, Crack und alles andere, das sie schluckte, schnupfte, spritzte. „Ich habe fast alles ausprobiert.“

Nun will sie nicht mehr ausprobieren. Sie will ihren Führerschein zurück haben, sagt sie, und meint damit vielleicht ihr früheres Leben. „Ich will wieder Motorrad fahren“, sagt Kutscher und ihre Stimme klingt wie die einer alte Frau, die von damals schwärmt. Über die Straßen fegen, mit wehendem Haar, die Nase im Wind. Das ist ein Rausch der Freiheit, der nicht süchtig macht.

Kutscher trägt eine Silberkette um den Hals, an der ein großes Kreuz hängt. So groß, als sei es nicht gemacht für ihren schmalen Körper. Es ist das Schmuckstück ihres alkoholkranken Vaters, das sie erinnern und mahnen soll. „Ich will es besser machen“, sagt sie. Die Frau, die vorgibt schwach zu sein, ist in solchen Momenten stark. Dann sagt sie: „Wer spritzt, verliert.“ Manchmal auch das Leben. Der Exfreund, der Kim Kutscher an jenem Abend vor 14 Jahren Heroin gab, starb an einer Überdosis.

Es fühlte sich nach Liebe an, als er sie zu den Drogen führte. Nun weiß Kutscher, was Liebe wirklich ist: Wenn zwei versuchen, sich von der Sucht frei zu machen. Sie lernten sich in der Psychiatrie kennen. Beide wurden gerade entgiftet. „Wir sahen uns - und waren hin und weg“, sagt sie.

„Wir verstehen uns“, sagt er, der mit 13 Cannabis rauchte und wenig später Heroin spritzte. Die meisten ihrer falschen Freunde aus der Drogenszene würden auf der Stelle treten, sagt das Paar. „Wir gehen spazieren.“ Nicht, wohin sie früher gingen. „Wir machen lieber einen Umweg.“

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Von Pia Schleichert

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