Michael Schmidl erinnert sich an Bad Hersfelder Kultkneipen der neunziger Jahre

Ertränkte Fritten in Jägersoße

War einst Treffpunkt der Bad Hersfelder: Die Kneipe Pustekuchen an der Bad Hersfelder Johannesstraße. Unser Archivfoto entstand zur Kneipentour im Jahr 2007. Archivfoto: Hornickel

Bad Hersfeld. Meine Zeit in der Hauptstadt Berlin begann vor siebeneinhalb Jahren mit dem Besuch des „Wohnzimmers“. Einem kleinen, gemütlichen Café inmitten des Prenzlauer Bergs, welches bis heute den ständigen Wandel des Szene-Kiezes überleben konnte und – trotz des exorbitanten Angebotes an Ausgehmöglichkeiten – Einheimischen, Zugezogenen und touristischen Besuchern eine gute Zeit verspricht, an die man sich gerne zurück erinnert.

Nicht vermisst

Kürzlich war ich dort zu Gast in Begleitung eines Freundes aus der gemeinsamen Schulzeit in Bad Hersfeld. „Hast du jemals wieder so gute Fritten mit Jägersoße gegessen? Also ich nicht!“, wirft er in die Runde. Ich muss gestehen, ich habe seit Jahren nicht an diese kulinarische Spezialität gedacht, geschweige denn sie vermisst.

Und doch weckt die Frage die kleinen und großen Erinnerungen an die unzähligen Stunden in den Straßen unserer Heimatstadt.

Rückblick: Die 90er neigen sich dem Ende entgegen und wer als szenekundiger Jugendlicher außerhalb der Lolls-Woche etwas erleben will, dessen Marschroute für einen erfolgreichen Abend ist schnell geplant: Ertränkte Fritten im Pustekuchen, nachgespült mit zwei oder drei Bier im „Bricks“, ein kurzer Abstecher zu Ismet in den Hinterhof und sofern es die Geldbörse noch zuließ, lockte von gegenüber als Endstation der Zigeunerkeller. Ismet und Zigeunerkeller gibt es auch heute noch, wenn auch ersterer an anderer Stelle. Sie lassen aber beide nichts von ihrem ursprünglichen Charme vermissen.

Weniger Glück gehabt

Weniger Glück dagegen hatte der Pustekuchen, der sich über viele Jahre nicht nur am Abend als perfekte Anlaufstelle für Generationen jeden Alters anbot, die auf rot bezogenen Bänken sitzend, umgeben von übertriebener Dekoration, die heimelige Atmosphäre genossen.

Nur selten kam es vor, dass man bei einem Besuch kein bekanntes Gesicht entdeckte. Und wenn man allein da saß, schmeckte die heiße Schokolade mit Blick aus den Buntglasfenstern ebenso hervorragend. Auch wenn die damals jungen Stammgäste langsam erwachsen wurden und viele von ihnen in die Welt zogen, konnte man sich sicher sein, bei seinen – wenn auch leider seltenen – Besuchen in der Heimat jederzeit einen Anlaufpunkt zu haben. Gerade in der Weihnachtszeit wurde dieser gerne und oft genutzt, um mit alten Freunden zu tratschen, lachen und das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen.

Steht man in diesen Tagen in der Johannesstraße, entdeckt man an Stelle des Pustekuchens ein griechisches Speiselokal und nur noch die Fassade erinnert leicht an unser „Wohnzimmer“ in der Festspielstadt. Was bleibt, sind die Geschichten, die wir uns auch heute noch gerne erzählen und auch ohne Smartphones und Digicams konservieren konnten.

Von Michael Schmidl

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