Montagsinterview im Riesenrad: Manuela Schmermund vom Ausblick begeistert

Erste Fahrt seit 20 Jahren

Hoch über Bad Hersfeld: Schützin Manuela Schmermund im Riesenrad. Foto: Stehr

Bad Hersfeld. Sie hat erreicht, wovon viele Sportler träumen. Manuela Schmermund hat Gold gewonnen. Das war bei den Paralympischen Spielen in Athen. Vor einigen Wochen hat sie an den Paralympics in London teilgenommen und Silber mit in ihre Heimat Mengshausen gebracht. Die querschnittsgelähmte Schützin kam zum Interview im Riesenrad.

Wir sitzen hier im Riesenrad – in London gibt es auch ein Riesenrad. Sind Sie gefahren?

Manuela Schmermund: Nein, ich war leider nicht drin. Ich habe es gesehen, da waren unendlich viele Leute. Aber wir hatten nur begrenzt Zeit, um mal die Stadt zu sehen.

Wenn Sie auf dem Lullusfest sind, welche Fahrgeschäfte können Sie überhaupt nutzen?

Schmermund: Ich muss gestehen, seit meinem Unfall nie wieder ein Fahrgeschäft betreten zu haben. Hauptsächlich aus Respekt. An manchen Fahrgeschäften steht aber auch dran, dass Leute mit Rollstuhl oder starker Einschränkung nicht mitfahren dürfen. Diese Fahrt ist wirklich eine Premiere seit 20 Jahren.

Und – wie ist das Gefühl?

Schmermund: Echt schön. Ich habe die Stiftsruine so noch nie gesehen. Es ist beeindruckend und wirklich toll.

Wie ist es, wenn man mit dem Rollstuhl auf einem Festplatz unterwegs ist?

Schmermund: Gerade wurde ein Interview mir Wolfgang Schäuble veröffentlich, in dem er sagt, dass Empfänge, die hauptsächlich im Stehen stattfinden, nicht schön sind. Ich kann ihn verstehen. Man hat dann meist nur Hinterteile oder sowas vor sich. Das ist nicht gerade ein toller Ausblick. Wenn viel Betrieb ist, wird man angerempelt, bekommt eine Hand vor den Kopf. Das nervt. Aber ich bin ruhiger geworden und muss nicht mitten rein ins Gedränge. Das Lullusfest ist aber etwas Besonderes.

Wenn Sie noch keine Fahrgeschäfte besucht haben, haben Sie schon mal an einer Schießbude abgeräumt?

Schmermund (lacht): Nur weil ich Schützin bin, heißt das nicht, dass ich an einer Schießbude treffe. Die Gewehre zielen, ich sage mal, ums Eck. Ich denke, die sind so eingestellt, dass man nicht so viele Preise abräumt. Allerdings bin ich heute das erste Mal in dieser Woche hier. Und es wird auch der einzige Besuch bleiben. Ich habe leider keine Zeit.

Am Samstag sind Sie mit Mengshausen in die Saison gestartet. Um im Riesenrad-Jargon zu bleiben – wie hoch wollen Sie in dieser Saison hinaus?

Schmermund: Am allerliebsten ganz hoch. Aber das ist wohl utopisch. Es wäre ein grandioser Erfolg, wenn wir ins Finale, das wir im Februar ausrichten, einziehen könnten. Aber das wird schwer.

Wie hoch ist der Aufwand, den Sie für Ihren Sport betreiben?

Schmermund: Wenn es um die ganz großen Events wie die Paralympics geht, dann sind das schon 30 Stunden in der Woche. Da werde ich dann vom Arbeitgeber freigestellt. Sonst sind es etwa 15 Stunden, mit Physiotherapie und allem was dazugehört. Für mich ist das gerade sehr schwer, weil ich noch so viele andere Verpflichtungen habe.

Sie haben durchgesetzt, dass Sie als behinderte Sportlerin bei Nichtbehinderten starten können. Hat sich dieser Kampf gelohnt?

Schmermund: Aus meiner Sicht schon. Das war ein großer Schritt Richtung Inklusion. Es hat gut zehn bis 15 Jahre gedauert. Und ich bin sehr stolz, dass wir – ich war ja nicht die Einzige – es mit Beharrlichkeit geschafft haben. Es gibt in der Gesellschaft inzwischen noch weitere Schritte, die muss es auch geben. Ich werde weiter meine Energie und Kraft für solche Themen einsetzen.

Bevor wir wieder auf dem Boden ankommen: Was für Ziele haben sie sich noch gesetzt?

Schmermund: Irgendwann möchte ich gern wieder mehr Privatleben haben. Aber das dauert noch. Erst mal peile ich in zwei Jahren die Weltmeisterschaft im eigenen Land an. Wenn ich da noch in der Weltspitze mithalte, sind die Paralympics in Rio mein großes Ziel. Da habe ich erste Bilder gesehen. Wenn es da nur annähernd so aussieht, dann möchte ich da hin.

Von Claudia Stehr

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