73-jähriger Hersfelder hatte Demenz vorgetäuscht und 38 500 Euro Pflegegeld bezogen

Erst simuliert, dann kassiert

Bad Hersfeld. Einmal gut geschauspielert und dafür dann zehn Jahre lang Gage kassiert: So brachte Richter Michael Krusche den gewerbsmäßigen Betrug eines 73-Jährigen Hersfelders auf den Punkt, der sich als vermeintlich Demenzkranker Pflegegeld in einer Gesamthöhe von 38 500 Euro erschlichen hatte.

Das Bild, das der Angeklagte gestern vor dem Schöffengericht abgab, entsprach möglicherweise der Realität: Mit permanent zitternden Händen verfolgte er auf einem Sitz-Rollator teilnahmslos die mehrstündige Verhandlung, antwortete auf die Frage nach seinen Alter mit „Fünfzig“.

Doch im Juni 2004, als er gemeinsam mit der Ehefrau bei seiner Krankenkasse einen Antrag auf Unterstützungsleistungen stellte, da hatte er Demenz und Immobilität offenbar nur vorgetäuscht. Zwar war im Juli noch eine Gutachterin des Medizinischen Dienstes zu ihm nach Hause gekommen, doch die hatte bei ihrem Besuch keinen Anlass zu zweifeln, zumal es das Attest eines Neurologen gab, der eine entsprechende Diagnose nahelegte.

Also wurde fortan gezahlt, zunächst 410 Euro jeden Monat für Pflegestufe II. Was dafür getan werden musste – darunter angeblich füttern und Windelwechseln – erledigte die Ehefrau.

Von seiten der Krankenkasse wurde der Fall zwar in großen Abständen überprüft, doch nur nach Aktenlage. Denn bei Demenzkranken – so führte der sachverständige Gutachter Dr. Rainer Hofmann aus – gibt es in der Regel keine Besserung, der Weg führt entweder linear oder schubweise nur in eine Richtung: nach unten.

Und genau das wurde dem vielfach vorbestraften Hersfelder am Ende zum Verhängnis: 2008 wurde der notorische Rechtsbrecher bei einer Reihe von Ladendiebstählen in Bad Hersfelder Supermärkten erwischt. Dabei war er zielgerichtet vorgegangen, hatte noch mit dem Personal gestritten, dass erst nach Passieren der Kasse ein Diebstahl gegeben sei und nicht schon vorher, und war in einem Fall über eine Absperrung geklettert.

Auch dass er bei diesen Gelegenheiten mit dem Auto seines Sohnes unterwegs war, passte nicht ins Bild eines Pflegefalls. Und nicht zuletzt verrichte er im Gefängniskrankenhaus, wo er anschließend ein Jahr absaß, die meisten Tätigkeiten vollkommen selbständig.

Der Verdacht, dass die ursprünglichen Krankheitssymptome nur simuliert waren, brachte schließlich das Strafverfahren in Gang, dessen Berechtigung nur die Verteidigerin des Hersfelders, die Rechtsanwältin Margit Guy, anzweifelte. Sie berief sich auf gegenteilige Einschätzungen mehrerer Ärzte.

Das Schöffengericht folgte mit seinem Urteil von einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung jedoch dem Antrag von Staatsanwalt Andreas Hellmich.

Von Karl Schönholtz

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