Chefvolkswirtin Gertrud Traud von der Helaba über das konjunkturelle Sommermärchen

Erst Rezession, jetzt Superboom

Deutschland, ein Sommermärchen? Die Chefvolkswirtin der Hessischen Landesbank, Dr. Gertrud R. Traud, mit dem Vorsitzenden des IHK-Regionalausschuss Heinrich Leist (re.) und Dieter Mertelmeyer vom IHK-Servicezentrum. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Die Konjunktur brummt. Der Jobmotor schnurrt. „Im Moment läufts richtig gut“, stellte der Vorsitzende des IKH-Regionalausschusses Heinrich Leist fest. Deutschland – ein Sommermärchen. Aber wie geht es weiter? Diese Frage beantwortete am Montagabend die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Dr. Gertrud R. Traud, bei einem Vortrag vor Wirtschaftsvertretern in der Stadthalle.

Heimspiel in Hersfeld

Für die gebürtige Hünfelderin war der Auftritt in Bad Hersfeld so eine Art Heimspiel und ein „seltenes Privileg“ in die Region zu kommen, denn normalerweise ist eher die weite Wirtschaftswelt ihr Zuhause. An Hand von Tabellen, Grafiken und Kurven zeigte sie den heimischen Wirtschaftskapitänen anschaulich den Aufschwung. „Der ifo-Geschäftsklima-Index steigt und steigt“, stellte sie fest und sprach von einem „Superboom“.

Deutschland sei, gemessen am europäischen Ausland oder auch den USA, derzeit in einer günstigen Situation, um die „Monsterrezession“ der vergangenen zwei Jahre zu verdauen. „Die moderaten Lohnerhöhungen der letzten Jahre sind die Basis für den Erfolg, den wir jetzt haben“, machte sie klar. Euro-Länder wie Griechenland und Spanien hingegen hätten „geprasst“ und zahlten dafür nun die Zeche. In Spanien etwa liege die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent. Deutschland aber profitiere von der Krise.

Gleichzeitig richtete die Chefvolkswirtin den Blick auf den Export. Vor allem Chinas boomende Märkte würden für Deutschland als Handelspartner immer wichtiger. Schon jetzt gingen 5,5 Prozent unsere Exporte in das Reich der Mitte. Zum Vergleich: 6,8 Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA.

Gute Nachrichten hatte Traud auch für Nordhessen. Die ehemals eher strukturschwache Region mausere sich zum starken Industriestandort, nirgends sinke die Arbeitslosigkeit so stark wie in Nordhessen.

Doch Traud sieht auch Wolken am derzeit so sonnigen Konjunkturhorizont. Die demografische Entwicklung gefährde den Aufschwung. Die fortschreitende „Vergreisung“ der Gesellschaft mache Probleme: „Der ganze Boom bringt nichts, wenn keiner da ist, der die Arbeit machen kann“.

Sie sprach sich deshalb für die Zuwanderung von qualifizierten Arbeiskräften aus. „Ich verstehe nicht, warum man sich in dieser Frage so mädchenhaft anstellt.“ Der absehbare Bevölkerungsschwund lasse gar keine andere Wahl.

Noch aber gehe das konjunkturelle Sommermärchen weiter. „Für die nächsten Jahre können wir relativ optimistisch sein“ , meint Gertrud R. Traud, auch wenn sich der Superboom im kommenden Jahr wohl etwas abschwächen werde. Der größte Risikofaktor für den Aufschwung sei derzeit die Lohnentwicklung. (kai)

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