Festspiel-Paar: Charlotte Puder und Stephan Ullrich spielen die Liebenden im „Nathan“

Erst mal genau ansehen

Haben sich auf Anhieb verstanden: Charlotte Puder und Stephan Ullrich, die das Liebespaar Recha und Tempelherr im „Nathan“ spielen, und dann herausfinden, dass sie Geschwister sind. Fotos: Zacharias (1), Drama Berlin Iko Freese (1)

Bad Hersfeld. Wie ein Donnerschlag trifft es den Tempelherren im „Nathan“, als er Recha zum zweiten Mal begegnet und sie erstmals richtig ansieht. Die erste Begegnung fand unter dramatischen Umständen statt, als der christliche Kreuzritter das vermeintliche Judenmädchen aus den Flammen ihres brennenden Hauses rettet.

Sie dagegen, die ihren Retter in der Fantasie zunächst als Engel verklärt, behält einen kühlen Kopf, als sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.

„Da steht ein Mensch vor mir, den muss ich mir erst mal angucken“, beschreibt Charlotte Puder ihre Recha. „Ich bleibe relativ klar und vernünftig.“ Diese Herangehensweise gefällt ihr gut. In der Klassik seien junge Mädchen oft sehr schwärmerisch angelegt, weiß die junge Schauspielerin. Die Figur der Recha sei ein Beispiel, dass es auch anders geht.

Denn mit Schwärmerei kann Charlotte Puder auch im wirklichen Leben nicht viel anfangen. Hat sie eine Vorstellung von einem Traummann? Da reagiert sie eher verständnislos. „Den Traummann gibt’s doch gar nicht. Außerdem wäre perfekt superlangweilig.“

Romantische Traumbilder

Da ist sie sich mit Stephan Ullrich einig, der im wirklichen Leben ihr Vater sein könnte, sich im Stück leidenschaftlich in sie verliebt und schließlich herausfindet, dass Recha seine Schwester ist. Ullrich findet es bedenklich, dass Jugendliche heute im Fernsehen mit romantischen Traumbildern bombardiert werden, die im wirklichen Leben nicht standhalten. Ganz entsetzlich findet er Serien wie den „Bachelor“, die ein völlig verzogenes Frauen- und Männerbild zeichnen. „Ich hoffe, dass der Frauentypus Recha und Charlotte Puder Land gewinnt und langsam aber sicher in die Domänen der Männer eindringt.“ Ein Gleichgewicht zwischen Frau und Mann, das wünscht Stephan Ullrich sich.

„Wenn ich jemanden liebe, nehme ich sie so, wie sie ist und mache sie nicht zu meiner Traumfrau“, sagt Ullrich. Wenn eine Seele die andere schaut, zwei Menschen etwas gemeinsam empfinden, ohne sich dabei ansehen oder berühren zu müssen, das ist seine Vorstellung von Liebe. Respekt voreinander gehört da unbedingt dazu.

Respekt, wie ihn der Tempelherr vor Recha empfindet, als er sie nicht in eine schwierige Situation bringen will und deshalb die persönliche Begegnung vermeidet.

„Lessing entlastet mich“

Respekt voreinander ist auch für die Schauspieler auf der Bühne wichtig, erklärt er. Sie müssen sich gegenseitig Raum lassen. Nur dann könne das Publikum sehen, dass da etwas Elektrisches passiere zwischen den Menschen. Dazu müssen sich die beiden noch nicht einmal mögen. „Lessing entlastet mich“, erklärt Stephan Ullrich. „Er gibt mir eine Spielvorgabe, da muss ich mich nicht um Privates kümmern.“

Charlotte Puder und Stephan Ullrich jedoch verstehen sich prima. „Wir haben uns gesehen und gemocht“, sagt er und sie nickt, bevor sie in die Maske verschwindet, um sich ein weiteres Mal in Recha zu verwandeln.

Von Christine Zacharias

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