Erlebnisbericht - Der Tag an dem in Japan die Erde bebte

Simon Stache Foto: Pistor

Tokio/Asbach. „Mama und Papa, mir geht’s gut ansonsten“ - mit dieser Nachricht beruhigte der zurzeit in Tokio lebende Simon Stache seine Familie in Asbach. Wir hatten den Tag über per Internet Kontakt zu ihm und haben einen ausführlichen Augenzeugenbericht zum Erdbeben in Japan von dort erhalten.

Bad Hersfeld/Tokio. Liebe HZ!!! Also hier mein Bericht vom heutigen Tag, 11. März 2011: "Es war eigentlich ein Tag, wie jeder andere. Ich hatte nicht viele Pläne für heute. Nachdem ich aufgewacht bin, gefrühstückt hatte, eine Runde joggen war und dann noch einmal für 2 Stunden geschlafen hatte, wollte ich mich bereit machen für die einzigen 2 Pläne des heutigen Tages. Ein Casting für die Fashionweek 2011 für nächste Woche und ein Shooting bei Nacht in dem Nachtleben Tokyo's für einen aufsteigenden Designer!

Als ich so gegen 2 Uhr anfing langsam alles zusammen zu packen und unter die Dusche gehüpft bin, bemerkte ich, dass auf einmal der Spiegel und die Shampooflaschen merkwürdig anfingen zu wackeln. Ich lebe schon zum 2. Mal hier und habe mittlerweile bestimmt mehr als 7 Erdbeben erlebt und mir war sofort klar "Achjaa, schon wieder eines von denen". Nach 10 Sekunden merkte ich aber, dass es nicht aufhörte und ich sprang aus der Dusche, trocknete mich schnell ab und zog ein T-Shirt drüber und ging schnell die Treppe zum ersten Stock in mein Zimmer hoch.

Immer noch das leichte Wackeln von links nach rechts. Langsam dachte ich, es sei unnormal, da mir erst vor einigen Wochen eine Freundin aus Chile, die hier studiert, von dem großen Erdbeben berichtet hatte, welches auch lange anhielt und mir dämmerte es langsam, dass es eventuell ernster werden könnte. Die Fenster klapperten lauter, das Beben wurde stärker! Und plötzlich bröckelte Putz von der Decke auf meinen Kopf und ich drehte mich um und bekam leicht Panik. Ich war gelähmt und wusste nicht, was zu tun war. Ich kannte mittlerweile kleine Erdbeben, die nach einigen Sekunden verschwanden, aber was tut man bei einem großen?

Instinktiv griff ich nach meinen Papieren, Ausweisen und Unterlagen, packte sie zusammen und rannte die schmale Treppe in unserem Haus runter. In der Küche angelangt sah ich, wie die Bücher während des Bebens aus dem Regal fielen, die Flaschen vom Kühlschrank fielen und die Blumentöpfe von der Fensterbank plumpsten. Ich wollte nur noch raus! Auf dem kleinen Weg aus unserem Haus fielen mir schon die daneben gestellten Fahrräder vor die Füße und ich war mich jetzt sicher: "Das ist kein Spaß mehr!" Als ich draußen angekommen bin, waren schon alle Nachbarn vor ihren Häusern versammelt.

Sie guckten mich erst verblüfft an und mir ist dann auch aufgefallen, dass ich erstens mein T-Shirt falsch herum anhatte und zweitens nur in Unterwäsche draußen auf dem Asphalt stand. Ich fühlte mich irgendwie wie in einem falschen Film. Weinende Kinder, die von ihren Eltern getröstet werden mussten. Feuerwehr und Sirenen, die auf japanisch alle Leute aus den Häusern evakuieren wollten und weiterhin das Beben, welches ein wackeliges und unsicheres Gefühl zurücklässt. Ganz verdutzt stand ich dann da. Bin zum nächsten freien Parkplatz gerannt, merkte wie neben mir bei immer mehr Autos die Alarmanlagen angingen, eine Truppe Schulkinder, die mit Erdbebenschutzhelmen die Straße entlang rannten und immer wieder die Sirenen, die vor Nachbeben warnten.

Es fühlte sich mittlerweile so stark an, als würde sich ein Spalt unter einem bald auftun, der die Straße entzwei reißt. Und man sah nur, wie die Straßenschilder und die Straßenlaternen heftig wackelten. Sehr, sehr unreal und eher wie einer der Filme oder Werbespots, die ich hier gedreht hatte, als eine reale Situation. Eine kleine Oma aus der Nachbarschaft kam dann rüber zu mir und fragte mich dann, ob alles in Ordnung sei und ich erklärte ihr, dass ich mir große Sorgen machte, weil ich so etwas noch nie erlebt hatte. Sie meinte, dass alles gut werden würde und es bestimmt bald vorbei sein wird.

Als es den Anschein machte aufzuhören, sprang ich wieder ins Haus! Hier war mittlerweile vieles auf dem Boden. Kulturbeutel im Bad, Deos, Shampoos, Bücher in der Küche, zerbrochene Teller und ich guckte mich gar nicht lange um, da mein Zug bald gehen würde. Ich wollte ungern zu spät zum Casting erscheinen, also zog ich mich schnell an, schnappte meine Mappe und meine Bahnkarte und wollte gerade los, als es wieder anfing zu beben. Ich lief in Richtung Bahnhof und sah, dass alle Leute dort gestrandet sind, die Züge ausgefallen sind und alle Leute auf Neuigkeiten warten.

Die Geschäfte machten zu, obwohl es mittlerweile kurz nach 3 war und ich wartete eine geschlagene Stunde mit den anderen Gestrandeten auf Neuigkeiten bezüglich der Bahnen. Keine Antwort! Nunja, ich fragte noch einmal beim Schaffner nach und er sagte nur, es werden derzeit alle Linien geprüft nach Schäden und Zugänglichkeit. Immer wieder das Gebäude im Wanken in regelmäßigen Abständen. Auf den Straßen war viel los. viele Autos, Gehupe und viele Menschen auf den Straßen und mittlerweile prasselnder Regen. Auch das noch!

Ich beschloss einfach umzudrehen und das Casting und den Job sausen zu lassne, da mittlerweile die Nachricht durchkam, dass alle Züge ausfallen für den Rest des Tages. Zurück zu hause angekommen wurde versucht mit Freunden und Familie zu telefonieren, was aber nicht ging, da das Telefonnetz lahm gelegt war. Viel hatten ebenso kein Strom. Ein Mitbewohner war noch da und zusammen mit der Besitzerin des alten japanischen Holzhauses räumten wir das gröbste auf.

Und trotzdem hörte es nicht auf zu beben. Zwar niemals wieder so stark, aber dennoch war es spürbar. Mir wurde auch mittlerweile schlecht von den dauernden wankenden Bewegungen und auch wenn kein Beben mehr da war, hatte man das Gefühl es ist immer noch nicht sicher unter den Füßen. Nach ca. 4 oder 5 Stunden war dann erst einmal Ruhe für mehrere Stunden. Wir verfolgten zusammen die Nachrichten und es wurde gewarnt vor einem neuen Beben heute Nacht in der Region "Ibaraki".

Wir packten alle eine Tasche mit den wichtigsten Utensilien zusammen, kauften Schokolade, Eis und Sekt, in den paar Läden, die noch aufhatten, und liefen zusammen runter zum nahegelegen Fluss. Ja und hier werden wir wohl heute den größten Teil der Nacht zusammen verbringen und warten auf Neuigkeiten. Jeder erzählte dann seine Geschichte, wie er das Beben erlebt hat und mittlerweile konnten wir auch noch 2 unserer Mitbewohner kontaktieren, die nicht mehr nach Hause kommen können, da die Züge ausfielen, denen es aber auch gut ging!

Ein Glück wird es auch langsam Frühling hier und es ist gar nicht so kalt. Am Fluss wird uns auch nichts passieren, da weit uns breit nicht, als Park und Ufer ist. Es ist nicht viel passiert, glaube ich, hier in Tokio! Es ist eine der sichersten Städte und jeder Japaner ist vorbereitet auf Fälle wie diese. Deshalb hörte man auch nichts über eingestürzte Gebäude oder Ähnliches.

Es war ein unvergesslicher Tag und ich habe gelernt was zu tun ist bei Erdbeben. Gewöhnen, werde ich mich dennoch trotzdem nie an sie. Aber ich lebe hier nun schon über ein halbes Jahr und ich glaube es ist einfach ein Teil vom Leben hier! Mir ist nichts passiert und ich bin mir ebenso sicher, dass Tokio sicher ist und gebaut ist für solche Fälle. Die Bilder aus den Nachrichten darf man wirklich nicht mit der Situation hier in Tokio vergleichen. Den Norden hat es schwer getroffen und den ganz östlichen Osten eventuell von Tokio. Aber hier im südlich Zentrum bei uns ist außer dem Wackeln, den Schwanken und den runtergefallenen Gegenständen nichts passiert.

Mir geht's gut und ich bin trotzdem glücklich hier! Es war ein Tag, an dem viel passiert ist. Es war ein Tag an dem vor allem meine Familie, meine Freunde und Verwandten den Atem angehalten haben. aber es ist auch ein Tag an dem ich mehr vom Leben und von der Welt gelernt habe und mit nach hause nehmen werde. Unterschätze eben niemals die Natur, denn so etwas werden wir niemals unter Kontrolle bekommen. Wir können allerhöchsten versuchen mit ihr zu leben und uns anzupassen! Ich werde es wohl auf die japanische Weise machen: "Aufstehen, aufbauen und mit einem Lächeln meinen Weg hier weiterhin gehen!"

Macht euch keine Sorgen, mir geht's gut!" Viele Grüße an alle in Deutschland, Bad Hersfeld und vor allem an Freunde und meine Familie in Asbach, Simon aus Tokio (Gut das es Erdbeben in Deutschland und bei uns in Bad Hersfeld nicht gibt :D )

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