Hessen und Thüringer feiern 20 Jahre deutsche Einheit in Gerstunger Schule

Erinnern bedeutet leben

Martina Berlich

Gerstungen. Als ein „Lebenszeichen der Nation“ deutete Martina Berlich den Gedenktag zur Feier 20 Jahre Deutsche Einheit. Die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Eisenach war Rednerin bei der Festveranstaltung im Gymnasium im thüringischen Gerstungen. Hier, wenige Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt, feierten Bürger aus Hessen und Thüringen, dass Deutschland vor 20 Jahren wiedervereinigt wurde.

Berlich sprach von der Bedeutung der Erinnerung. „Erinnern heißt leben. Wie viel Schrecken würde ein Volk ohne Erinnerung verbreiten?“ Um zu erfassen, wie es wirklich war, müsse man die Erinnerung vieler zusammen tragen. Sie fragte, wie es für die Grenzsoldaten war, für die Westdeutschen, oder für die, „die 1989 von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz oder einem Dritten Weg träumten“.

Wie schwierig es mit dem Erinnern ist, verdeutlichte die Rednerin an einem Beispiel: Zu einer Podiumsdiskussion habe die evangelische Kirchengemeinde in Eisenach auch ehemalige DDR-Funktionäre eingeladen - keiner sei gekommen.

Berlich zeigte auch Verständnis. „Im Nachhinein war klar, wie korrumpierbar die eigene Haltung war.“ Das gelte aber nicht nur für die Situation in der DDR. Berlich spannte den Bogen zu aktuellen Problemen wie der Weltwirtschaftskrise und stellte die Frage, ob richtig damit umgegangen wurde. „Wir werden erst im Nachhinein merken, wie abhängig wir sind, wie korrumpierbar uns der Wohlstand im Westen macht.“ Berlich sprach von Problemen im heutigen Deutschland. Die Lebensleistung Ostdeutscher erfahre nicht genug Anerkennung. Sie schloss aber mit versöhnlichen Worten: Für ihre Großeltern aus Heidelberg seien Gerstungen und Herleshausen unheimliche Orte gewesen, Orte der Angst. „Muss man nicht als Gerstunger dankbar dafür sein, dass der Ortsname keinen unschönen Klang mehr hat, sondern dass hessische Kinder hier zur Schule gehen?“

Das Erinnern stand im Zentrum der Feierstunde: Fünf Personen, die die ereignisreichen Monate 1989 und 1990 miterlebt haben, berichteten von ihren Erlebnissen (siehe unten). Ein Video und Fotos von der Feier am 3. Oktober finden Sie im Internet.

Von Achim Meyer (Text und Fotos)

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