250 Dinge, die wir in der Region mögen, Teil 11: Das Kathuser Seeloch

Von der Erde verschluckt

Ein Loch in der Landschaft: Das Kathuser Seeloch entstand wahrscheinlich bereits vor 120 000 Jahren. Durch Salzauslaugung waren in über 600 Metern Tiefe Hohlräume entstanden. Die Erde brach nach – der See entstand.

Kathus. In uralten Zeiten stand oberhalb von Kathus, am Rande des Seulingswaldes, ein prachtvolles Schloss. Es wurde von bösen und gewalttätigen Riesen bewohnt. Ihre ausgelassenen Feste und Zechgelage dauerten oft bis in die Morgenstunden. Bei einer der Feiern tat sich nachts plötzlich die Erde auf und verschluckte das Schloss mit all seinen reichen Schätzen und lärmenden Gästen. Zugleich öffnete der Himmel seine Schleusen und füllte den Abgrund mit Wasser.

So erklärt eine Sage die Entstehung des Naturdenkmals, das einer von nur sechs natürlichen Seen in Hessen ist. Etwas Licht ins Dunkel brachte erst die 1897 unter der Leitung von Bohrmeister Otto Gregor bei Kathus begonnene Kali-Aufschlussbohrung, die in 606 Metern Tiefe auf Steinsalz mit Kalisalzen stieß. Heute weiß man, dass in großer Tiefe durch die Salzauslaugung Hohlräume entstanden und das Erdreich darüber kaminartig nachbrach, bis an der Oberfläche ein trichterförmiger Erdfall entstand.

Dass die Entwicklung des Seelochs noch nicht abgeschlossen ist, verdeutlicht der erneute Einbruch vom 13. und 14. Februar 1969: Der Wasserspiegel sank um 4 bis 5 Meter ab, und der Trichter vergrößerte sich so sehr, dass das am Rande des Seelochs stehende Schützenhaus völlig zerstört wurde und teilweise im See verschwand. Inzwischen ist der Wasserspiegel wieder gestiegen, an den Steilufern kommt es aber immer wieder zu Nachbrüchen.

Da bei einem jüngeren Einbruch des Trichters Torf- und Tonschichten freigelegt wurden, konnten Wissenschaftler das Alter dieser Ablagerungen bestimmen: Sie stammen aus einer Eiszeit vor rund 120 000 Jahren.

Den wahren Wert des als „Ödland“ oder „Unland“ bezeichneten Seelochs erkannten die Kathuser Bauern nicht. Anders der aus Kathus stammende Ernst Heinrich Bauer, der als Professor am New Yorker Konservatorium wirkte. 1907 kaufte er den idyllischen See für 1 500 Mark, um sich im Sommer dort zu erholen. 1936 vererbte er das Seeloch an seinen Patensohn – es ist bis heute in Familienbesitz.

Die herausragende Bedeutung des Seelochs wurde nicht immer respektiert. Anfang der 70er Jahre kippte ein Unternehmer mit Genehmigung der Besitzer immer wieder Bauschutt in den See. Erst 1975 wurde das Seeloch auf Betreiben von Kathuser Bürgern als „flächenhaftes Naturdenkmal“ eingeweiht.

Heute hat der kreisrunde See einen Durchmesser von etwa 80 Metern und eine Tiefe von mehr als 16 Metern, wie Taucher feststellen konnten. Sein Wasser enthält erhöhte Natrium- und Chloridwerte, was auf eine teilweise Vermischung mit Salzlösungen in großen Tiefen schließen lässt. Auf einer lang gestreckten Schwimminsel wachsen außer Moorbirken und Ohrweiden zahlreiche Wasserpflanzen, darunter schwimmender Fieberkleerasen.

Der kurze Weg von Kathus zum Kathuser Seeloch ist ausgeschildert und gut begehbar. Das Naturdenkmal liegt am Kathuser Rundwanderweg K 1 und nun auch am „Lutherweg“, dem neuen Pilgerweg von Worms zur Wartburg. Eine Infotafel vor Ort klärt Wanderer über die Geschichte des Seelochs auf.

Von Karlheinz Otto

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