Bad Hersfelder Opernfestspiele: Heute Premiere von Carl Millöckers Operette „Der Bettelstudent“

Entwirrung nötig für zarte Bande

Bunt und fröhlich: Szenenbild aus der Operette „ Der Bettelstudent“ mit (vordere Reihe von links) Jan (Christian Giesecke), Symon (Michael Chacewiwicz), Oberst Ollendorf (Gunther Emmerlich), Laura (Nicole Meinhardt), Palmatica (Gisela Gallander), Bronislawa (Ewelina Jurga). Foto: Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Oper, Operette, Musical – so lautet der gängige Dreischritt in Nachschlagewerken zum Musiktheater. Die Operette fehlte bisher in Bad Hersfeld. Jetzt, im 36. Jahr der Opernfestspiele, kommt sie – in Gestalt des „Bettelsudenten“, Karl Millöckers dreiaktigem Meisterwerk der leichten Muse aus dem Jahr 1882.

Millöcker, der 1842 geborene Wiener Goldschmiedssohn, starb, leicht zu merken, am 31. Dezember 1899. Im selben Jahr übrigens wie der berühmte Johann Strauß. Beide bilden gemeinsam mit Franz von Suppé das Dreigestirn der klassischen, der „goldenen“ Wiener Operette. Millöcker sammelte reichlich kapellmeisterliche Erfahrung in österreichischen Landen, bevor er um 1880 als Erfolgskomponist von Operetten durchstartete.

„Die Dubarry“, „Gasparone“, „Der Vizeadmiral“, „Der arme Jonathan“ sind seine Hauptwerke – und eben als Krönung „Der Bettelstudent“. Der brachte es in den ersten 40 Jahren nach der Wiener Uraufführung am 6. Dezember 1882 im deutschsprachigen Raum auf mehr als 5000 Vorstellungen. Mitautor des Textbuchs war übrigens Richard Genée, der auch viel für Strauß und Suppé textete und sogar selbst Operetten komponierte. Ob man bei der Hersfelder Wahl der beiden Opernfestspielstücke 2015 den Ort der Handlung im Sinn hatte? Jedenfalls spielt auch der erste Akt des „Bettelstudenten“ im Gefängnis. Nur steht das nicht in Sevilla – wie im „Fidelio“ von Beethoven – , sondern in Krakau. Und es geht hier durchaus fidel zu, bei dieser Verknüpfung von polnisch-sächsischer Staatsaktion mit gleich zwei Liebesgeschichten.

„Schwamm drüber“

Das Ganze passiert Anfang des 18. Jahrhunderts, als August der Starke, Kurfürst von Sachsen und soeben für einen stattlichen Kaufpreis Empfänger der polnischen Königskrone, sein neues Land in Besitz nimmt. Als Augusts Stadtkommandant in Krakau amtiert Oberst Ollendorf – tönendes Kennzeichen: das Couplet „Schwamm drüber!“ In der Stiftsruine verkörpert ihn kein Geringerer als der sächsische Edelbassist Gunther Emmerlich. Der Affront einer schönen, jungen und vornehmen Polin, in die Ollendorf sich verguckt hat, bringt das Rad der Ereignisse ins Rollen und ihn zum Eingeständnis: „Ach, ich hab’ sie ja nur auf die Schulter geküsst!“

Polnisches Lokalkolorit findet man in Millöckers Musik kaum, am ehesten noch im gemäßigten Dreier-Tanzrhythmus der Mazurka. So im Couplet „Ich hab’ kein Geld, bin vogelfrei“. Der Bettelstudent singt es, ebenso wie zuvor das Tenorlied „Ich knüpfte manche zarte Bande“, in dem der als Frauenversteher und angebliche Fürst Wibicki aus der Haft entlassene Studiosus Symon die Schönheit der Polin preist. Was bei der von Ollendorf auf die Schulter geküssten Laura prompt verfängt. Man ahnt, Frauenschönheit und Melodienschönheit gehen nicht nur harmonische Verbindungen ein, sondern auch operettentypische, ganz gewiss aber happy-endliche Verwicklungen.

Von Siegfried Weyh

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