Männer mit Gewaltproblem absolvierten erfolgreich ein Deeskalationstraining

Entsetzt über eigene Tat

Häusliche Gewalt gibt es in jeder Gemeinde im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. 120 bis 130 Fälle pro Jahr werden angezeigt. Wege aus der Gewaltspirale zeigt das Verantwortungs- und Deeskalationstraining, das die Beratungsstelle Dialog in Bad Hersfeld anbietet. Foto: Archiv

Hersfeld-Rotenburg. Es war eine Lappalie, die Jörg Müllers (Name von der Redaktion geändert) Leben änderte. Mit seiner Frau geriet er vor zwei Jahren in Streit über die kindersichere Aufbewahrung eines Medikaments. Was dann folgte, war keine Lappalie mehr. Der Streit eskalierte bis Jörg Müller seiner Frau schließlich mit der Handrückseite kräftig ins Gesicht schlug. Dass er dabei seinen kleinen Sohn auf dem Arm hielt, machte die Sache nur noch schlimmer.

Flucht ins Frauenhaus

Als Jörg Müller am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, war seine Frau mit den Kindern verschwunden. Sie hatte sich ins Frauenhaus geflüchtet und Anzeige gegen ihren Mann erstattet. Die Polizei kam und verwies ihn des Hauses, erteilte ihm zudem das Verbot, sich seiner Frau zu nähern.

Jörg Müller war entsetzt, sowohl von dem, was er seiner Frau angetan hatte als auch von ihrer Reaktion und der Perspektive, dass nun seine Familie zerbrochen sein könnte. Deshalb beschloss er, aktiv zu werden, etwas zu tun, Hilfe für sich und sein Problem zu suchen. Denn der Schlag ins Gesicht war nicht der erste körperliche Übergriff auf seine Frau gewesen. Schon vorher hatte es Rangeleien und Geschubse gegeben, wenn auch noch keine massive Gewalt. Rückblickend sagt Jörg Müller, er sei sehr dominant gewesen.

Seit Oktober 2009

Doch die Suche nach Hilfe gestaltete sich schwierig. In der Region gab es keine Angebote für häusliche Gewalttäter. Umso erleichterter war Jörg Müller, als er schließlich von der zuständigen Sachbearbeiterin der Polizei den Hinweis auf die Beratungsstelle Dialog erhielt. Sie wurde im Oktober 2009 als Fachabteilung des Vereins „die Brücke“ ins Leben gerufen und bietet Beratungen für Männer mit Gewaltproblemen in der Partnerschaft an. Von Dezember 2010 bis Juni 2011 fand das erste Verantwortungs- und Deeskalationstraining statt.

Für jeden von Vorteil

Jörg Müller hat daran teilgenommen und ist überzeugt, dass das Programm für jeden von Vorteil ist. Er hat gelernt, sich selbst und seine Gefühle wahrzunehmen, aber auch auf die seiner Partnerin zu achten. „Ich bin ruhiger geworden“, hat Müller bei sich selbst festgestellt. Auch von seinen Kollegen bekam er positive Rückmeldungen: „Du hast dich extrem geändert. Du kannst jetzt richtig gut zuhören“, sagen die.

Jörg Müller ist offen mit seinem Problem umgegangen. Er hat nicht nur in der Gruppe, sondern auch im Kollegenkreis darüber gesprochen. Und er hat gemerkt, dass er nicht allein ist. Nicht alle schlagenden Männer sind jedoch, so wie er, bereit, an sich zu arbeiten.

Dabei kann Jörg Müller das Training nur empfehlen. Vier der fünf Gruppenteilnehmer konnten ihre Beziehungen retten, auch Müller. „Zurzeit läuft’s zu Hause richtig schön“, sagt er. „Wir haben einen ganz anderen Umgang miteinander. Das merkt man auch am Verhalten der Kinder.“

Müller bedauert, dass häusliche Gewalt immer noch tabuisiert wird. „Man könnte so viel verhindern, wenn offen damit umgegangen würde“, ist er überzeugt. Seiner Partnerin ist er jedenfalls dankbar, dass sie ihm durch ihr konsequentes Handeln und die Anzeige die Augen geöffnet hat. Weitere Texte

Von Christine Zacharias

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