Bad Hersfelder Festspiele 2012: Überzeugende „Zauberberg“-Premiere

Entrückte Verrückte

Am Ende ist es nicht nur die winterliche Kälte, die Hans Castorp erschauern lässt: Sören Wunderlich in Janusz Kicas Inszenierung von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Bad Hersfeld. Es ist kalt in der Bad Hersfelder Stiftsruine. Dicke Eisbrocken fliegen herum, heulender Wind treibt den Schnee zwischen die mächtigen Säulen und grellweißes Licht lässt die gefühlten Temperaturen unter den Nullpunkt sinken, auch wenn es abseits der Theaterbühne sommerlich warm sein sollte.

Doch die Realität spielt in Janusz Kicas Festspiel-Inszenierung des Thomas Mann-Romans „Der Zauberberg“ lange keine Rolle. Schauplatz ist ein Lungensanatorium hoch droben in den schweizerischen Alpen. Entrückt von der wirklichen Welt ist dort eine ganz eigene Gesellschaft aus Patienten, Ärzten und Pflegepersonal vornehmlich mit sich selbst beschäftigt.

Zeit spielt hier keine Rolle, vielmehr sind die Striche auf dem Fieberthermometer das Maß der Dinge. Der Tag vergeht mit ausgiebigem Diskutieren und Theoretisieren über die Liebe, den Krieg und Fischsuppen. Auch ein feuchter Husten und Rasseln in den Bronchien liefern willkommenen Gesprächsstoff. Regisseur Kica zeigt die Isolierten auf dem Berg als Versammlung grotesk-verrückter Figuren und entspricht damit der Intention der Vorlage.

In dieser Welt ist Hans Castorp zunächst ein Fremdkörper. Mit blauer Jacke und blauen Schuhen kommt er daher wie ein Sommerfrischler, ein munterer Schlaks, pumperlgesund und vermeintlich nur zu Besuch für kurze Zeit.

Sören Wunderlich verwandelt diesen energiegeladenen jungen Mann vor aller Augen in einen selbstzweifelnden Dauer-Patienten, wie seine Leidensgenossen den Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers untertan.

Gefangen im System Zauberberg, das für ihn auch die unglückliche Liebe zur geheimnisvollen Clawdia Chauchat (Charlotte Sieglin) bereit hält, bleibt Castorp sieben Jahre – bis ihn die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs in die Wirklichkeit zurückholen.

Janusz Kicas Bilder verstellen den Text nicht, sie unterstreichen ihn. Das ist insofern entscheidend, weil die Dramatisierung und Reduzierung des 1000-Seiten-Romans auf eine Spielfassung von knapp zweieinhalb Stunden natürlich ein Konzentrat aus schwieriger Materie sind, das eine effekthascherische Übertünchung kaum vertragen würde.

Gleichwohl hinterlässt die Inszenierung auch optisch starken Eindruck, wie beispielsweise mit Castorp im dichten Schneesturm, bei den Röntgenaufnahmen oder der Fastnachtsszene.

Wie schon bei den anderen Inszenierungen steht im „Zauberberg“ ein starkes Ensemble auf der Bühne, in dem jeder einzelnen Darsteller Akzente setzt. Besonders erwähnenswert sind freilich Daniel Friedrich als selbstverliebter und feine Sätze drechselnder Hofrat Behrens, Wolfgang Jaroschka als dröhnender Mijnheer Peeperkorn, Stephan Ullrich als zynisch-realistischer Settembrini und Thomas Gimbel als beflissener Ziemßen.

Mut zum Risiko

Aller guten Dinge sind drei: Nach den von Publikum und Kritik geradezu enthusiastisch gefeierten Premieren von „König Lear“ und „Anatevka“ gab es auch für den „Zauberberg“ reichlich Beifall und Bravo-Rufe für Sören Wunderlich.

Die positive Resonanz für das wohl sperrigste Stück auf dem diesjährigen Spielplan ist für die Bad Hersfelder Festspiele darüber hinaus ein Stück weit Bestätigung, dass hier neben den populären Stoffen nach wie vor Platz ist für ambitioniertes Theater, das das Risiko nicht scheut.

Von Karl Schönholtz

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