Opernfestspiele: „Rigoletto“ – modellhafte Aufführung und eine vokale Entdeckung

Die Entgrenzung im Gesang

Charakterlich präzise: Julia Fercho als Maddalena und Christoph Heinrich als Sparafucile. Fotos: Hartmann

Bad Hersfeld. Jedes Drama hat eine Verlaufskurve. Inszenatoren in der Stiftsruine haben aber zusätzlich das kolossale Ruinenmauerwerk und die Freilichtatmosphäre des sinkenden Abends einzubeziehen. Das tat am nahezu ausverkauften Premierenmittwoch die erste Produktion der 33. Opernfestspiele mit „Rigoletto“, Giuseppe Verdis erster Erfolgsoper. Der erfahrene Regisseur Hugo Wieg schuf so etwas wie das Modell einer Hersfeld-Dramaturgie.

Verdis „Melodramma“, so die Gattungsbezeichnung, entfaltet sich in drei Akten über viele Knotenpunkte. Sie mit dem Ort und der Tageszeit der Aufführung zu harmonisieren, gelang in überaus schlüssiger Weise. Dominierte am Beginn das Ambiente – das Abendlicht unter bedecktem Himmel lässt die Mauern besonders plastisch erscheinen – , so spielte sich nach und nach die Bühnentragödie selbst in den Vordergrund. Am Ende, bei vollständigem Nachtdunkel und verlöschenden Scheinwerfern, waren Raum und schicksalhaftes Geschehen ausgeschöpft und ausgesöhnt. Die Stiftsruine hatte ihren hohen Rang unter den europäischen Freilicht-Festspielstätten zwischen Aix-en-Provence und Orange in Südfrankreich, Verona in Oberitalien, Bregenz am Bodensee und Savonlinna in Finnland erneut bewiesen. Zehn Minuten Applaus und Bravorufe waren die Bestätigung.

Platz für Festreigen

Die Regie ordnete das Geschehen am Beginn in die Bühnenmitte, wo Platz für den hauchzart eingestreuten Festreigen der Ballettschule Michèle Meckbach war, wechselte dann für Rigolettos Wohnung nach links auf ein hohes Spielpodest, im zweiten Akt wieder zur Mitte und im dritten Akt (Sparafuciles abgelegene Spelunke) auf ein flacheres rechtsseitiges Podest. Am zentralen Wendepunkt der Handlung, dem Geständnis der gefallenen Gilda gegenüber Rigoletto mit dem großen Vater-Tochter-Duett im zweiten Akt, platzierte der Regisseur beide wie eine Pietà-Doppelfigur (= Maria, über den toten Christus gebeugt) vor ein aufragendes Holzkreuz – im Einklang mit der Musik wohl die bewegendste Szene.

Dem einfühlsamen Dirigenten Michael Stolle gelang bei seinem Bad Hersfelder Debüt mit den ausgefeilt musizierenden Virtuosi Brunenses ein nahezu perfekter Ausgleich zwischen Verdis kraftvollem Orchesterprofil und der akustischen Beschränkung der Sänger in der Stiftsruine. Sie formierten sich in den Ensembleszenen zu einer stattlichen Hofgesellschaft (Hersfelder Festspielchor mit polnischen Gästen; Kostüme: Ute Krajewski) und charakterlich präzisen Nebenrollen-Porträts – hervorzuheben Julia Fercho (Maddalena), Christoph Heinrich (Sparafucile) und Maryna Zubko (Giovanna).

Omar G. Garrido, der kurzfristig nach der Erkrankung eines Kollegen die Paraderolle des Herzogs von Mantua übernommen hatte und selbst nicht in bester Disposition schien, hielt tapfer und stimmlich versiert durch, auch wenn tenorale Eleganz und Strahlkraft an diesem Abend nicht erreichbar waren. Martin Kronthaler kreierte einen gesanglich und darstellerisch beeindruckenden Rigoletto, gab nie zu viel Druck auf die Baritonstimme und hatte so genügend Reserven für die substanzielle Durchformung und Ausbalancierung der riesigen Titelpartie. Wo, wenn nicht auf dieser Bühne gibt es vokale Entdeckungen! Wir melden hier die wohl schönste der letzten Jahre: Su-Jin Lee, 1985 in Seoul geboren und derzeit im Aufbaustudium bei Heidrun Kordes in Frankfurt, tastete sich zu Beginn noch an die Gilda heran.

Himmlisch-heitere Einheit

Am Ende hatte sie die überreiche Sopranpartie so überlegt, so himmlisch-heiter, so makellos in der Einheit von Atmung, Schwingung und Klangaura, so emotional verinnerlicht gesungen, dass die Vorhersage einer glanzvollen Zukunft nicht unbegründet erscheint. Denn das rührt in der Oper doch am stärksten: wenn Sänger, die auf der Bühne jämmerlich zugrunde gehen müssen, im Gesang zu einer Entgrenzung finden, die noch die Herzen der Zuhörer weitet.

Termine: bis zum 22. August an jedem geradzahligen Datum, jeweils 20.30-22.30 Uhr. Karten: 06621 / 5067 13 und 50 67 18; www.opernfestspiele-badhersfeld.de; info@opernfestspiele-badhersfeld.de

Von Siegfried Weyh

Kommentare